Ellesmere Island

Ellesmere Island

Fast 100 Jahre nach den historischen Expeditionen der beiden Polarforscher Dr. Frederick Cook und dessen Kontrahenten Robert Peary war Ellesmere Island, eine der einsamsten Regionen der Hoch-Arktis, das Ziel der diesjährigen Expedition des Bad Bramstedters Arved Fuchs. Mit seinen drei Begleitern und elf Schlittenhunden, die Fuchs von seinem langjährigen Freund Larry Audlaluk aus Grise Fiord im Norden der Arktis angemietet hatte, bereiste das Team die zehntgrößte Insel der Welt. Mit den Hundeschlitten und auf Skiern fuhr das Quartett um den Expeditionsleiter insgesamt 44 Tage entlang der Küste Quttinirpaaqs, dem "Dach der nördlichen Welt", wie die Inuit ihre Insel nennen. Während der strapaziösen Tour machten dem Team vor allem das schwere Gelände und der unerwartet frühe Frühlingsbeginn das Leben schwer.

Fuchs wählte die entlegene und menschenleere Ellesmere Island fast 100 Jahre nach den historischen Nordpolexpeditionen von Cook und Peary als Expeditionsziel aus. Von hier aus starteten 1909 Peary und Cook ihren wettlauf zum Nordpol, exakt 90 Jahre später begann Fuchs als Mitglied der Icewalk-Expedition seinen rund 1000 Kilometer langen Marsch zum Nordpol, Startpunkt war auch hier die Nordküste von Ellesmere Island. Damals wuchs in Fuchs die Idee, sich eingehender mit der faszinierenden Insel zu beschäftigen und diese zum Gegenstand einer eigenen Expedition zu machen. Am 7. April 2006 schließlich erfüllte sich Arved Fuchs den Wunsch, eine Expedition auf dem "Dach der nördlichen Welt" durchzuführen.

Eureka

Von der Wetterstation Eureka auf 80° nördlicher Breite aus startete Arved Fuchs mit seiner Mannschaft und elf Schlittenhunden Anfang April die Expedition "Ultima Thule" in Richtung der westlich von Ellesmere Island gelegenen Axel Heiberg Insel. Die Schlittenhunde hatte Fuchs zuvor in Grise Fiord, einem kleinen Inuitdorf im Norden der kanadischen Arktis, von einem einheimischen Inuk angemietet, der Fuchs einst das Hundeschlittenfahren beigebracht hatte. Ursprünglich war geplant, mit zwei Hundeschlitten zu fahren, doch mehr als elf Hunde waren nicht verfügbar. Daher musste sich Fuchs auf ein Team beschränken, ein Umstand, der das Vorankommen zusätzlich erschwerte.

Nach dem Flug von der kleinen Gemeinde Grise Fiord nach Eureka, der für die Tiere außerordentlich aufregend war, musste sich das Rudel erst an die neuen Herren gewöhnen. Diese Gewöhnungsphase verlief für alle Beteiligten erstaunlich schnell und vor allem erfolgreich ab. Das Team musste sich zudem noch akklimatisieren. Temperaturen von -40 °C erwarteten das Quartett bei seiner Ankunft im hohen Norden, selbst für erfahrene Polarreisende eine gewaltige Kälte, auf die sich der Körper erst langsam einstellen muss. Aufregung gab es von Anfang an: Kurz nach dem Start in Eureka hatte es ein siebenköpfiges Wolfsrudel auf die Schlittenhunde abgesehen!

So wurden anfangs rund 500 Kilogramm Hundefutter transportiert

Die seltenen Polar-Wölfe zeigten keinerlei Scheu vor den Menschen, wohl aber Interesse an den Schlittenhunden. Erst vor einigen Jahren hatten Wölfe während einer Expedition auf Ellesmere Island einige Hunde gerissen. Um einen solchen Zwischenfall zu verhindern, musste das Team nachts Wache halten - bei der Kälte und dem harten Tagesprogramm eine zusätzliche Belastung für alle vier Teilnehmer. Erst nach mehreren Tagen und zahlreichen Attacken zog das Rudel weiter und ließ Mannschaft und Hunde in Ruhe. Das Vorwärtskommen gestaltete sich vor allem in den ersten Wochen extrem schwierig, da sowohl von den Hunden als auch den Skiläufern gewaltige Lasten gezogen werden mussten. Fuchs entschloss sich daher, Depotfahrten einzurichten, um den Hunden die schwere Arbeit zumindest teilweise zu erleichtern.

Eine Tagesetappe von zehn Kilometern bedeutete für die Hunde insgesamt real 30 Kilometer Wegstrecke: Die erste Fahrt mit der Hälfte der Ausrüstung, die zweite Fahrt leer zurück zum letzten Lagerplatz und die dritte Fahrt mit der anderen Hälfte der Ausrüstung. So wurden anfangs allein rund 500 Kilogramm Hundefutter transportiert - zusätzlich zu dem proviant für die Mannschaft und der Ausrüstung. Diese Vorgehensweise praktizierten zuvor zahlreiche historische Polarexpeditionen. Sie bedeutet Schwerstarbeit für Mensch und Tier - zugleich aber die einzige Möglichkeit, die schweren Lasten zu transportieren. Zeitgleich zogen Brigitte Ellerbrock und Torsten Heller ihre schweren Pulkaschlitten hinter sich her. Eine Knieverletzung Falk Mahnkes kam erschwerend hinzu.

Sastrugis

Durch Eispressungen und Schneeverwehungen wurde das Fahren noch problematischer, zudem litt einer der Schlitten unter der schweren Last, so dass bei -40 °C Reparaturen durchgeführt werden mussten. Trotz aller Strapazen und Probleme war das gesamte Team begeistert von der Arbeit mit den Hunden, die schon nach kurzer Zeit jegliche Scheu abgelegt hatten und ihre neuen Herren akzeptierten. Immer wieder galt es, schwere Eispressungen zu überwinden, durch die Arved Fuchs erst eine Route für die Hunde suchen musste. Je weiter das Team dabei nach Norden vordrang, desto stärker machte sich der Einfluss des arktischen Ozeans bemerkbar, der das Eis zusammenschob und dadurch neue Hindernisse aufbaute. Neben den Eispressungen waren es vor allem die Sastrugis, die sich neben dem weichen Schnee als natürliche Bremsen entwickelten. Diese Sastrugis sind erstarrte Schneewehen, die hart wie Beton werden können und durch Winderosionen entstehen. Sie können bis zu 30 cm hoch werden.

Ende April wurden die Temperaturen etwas gemäßigter, das Reisen war dadurch etwas entspannter. An der Nordwestküste der Insel türmten sich aber wieder meterhohe Alteisfelder auf - bei Arved Fuchs kamen Erinnerungen an seine Nordpol-Expedition aus dem Jahr 1989 auf. Auch damals musste er sich mit seinen Gefährten einen Weg durch die Eiswüste suchen - ein Kräfte zehrendes Unterfangen, damals wie heute. Am 28. April dann endlich die ersten Spuren der historischen Expeditionen: Das Ultima-Thule-Team von Fuchs fand einen Cairn (Steinmann) der Robert-Peary-Expedition aus dem Jahr 1906. In der Nähe des Cape Lokk Point sichtete Fuchs den Steinmann, den Peary einst errichtet hatte und den der deutsche Geologe Dr. Hans Erich Krüger 1930 auf seiner schicksalshaften Expedition ebenfalls aufgesucht hatte.

Mitte April hielt der Frühling vorzeitig Einzug in der Arktis...

Krüger hinterließ eine Nachricht für die Nachwelt, die von Geoffrey Hattersley-Smith erst Mitte der fünfziger Jahre gefunden wurde - von Krüger selbst fehlt bis heute jede Spur, gemeinsam mit seinen Kameraden gilt er bis heute verschollen. Für das Team von Arved Fuchs war es ein bewegender Moment, den stillen zeitzeugen zu besichtigen, den der Nordpol-Forscher Peary vor genau 100 Jahren errichtet hatte. Peary unternahm 1905/06 eine Hundeschlittenexpedition, die ihn bis zur Axel Heiberg Insel führte und auf dessen Weg er diese Monumente erstellte. Bis heute waren nur wenige Menschen in dieser entlegenen Region; Fuchs fand noch einen weiteren Cairn von Peary, ebenfalls vor 100 Jahren dort errichtet. Zusätzlich entdeckten Fuchs und seine Begleiter noch zwei weitere Steinmänner, deren Ursrpung sie allerdings nicht zuordnen konnten.
 

Weiter ging es durch die Packeisfelder des arktischen Ozeans entlang der ausgesetzten Nordküste von Ellesmere Island mit ihrem vergletscherten Hochgebirge. Mitte April hielt der Frühling vorzeitig Einzug in der Arktis und ließ die Temperaturen schlagartig über den Gefrierpunkt ansteigen. Neben dem Packeis stieß das Team vermehrt auf dichten Nebel, knietiefen Pulverschnee und Bruchharsch. Die Schlittenhunde mussten Schwerstarbeit leisten, um überhaupt einige Kilometer am Tag zu schaffen, da sie immer wieder bis zum Bauch im Schnee versanken und den Schlitten nur mühsam fortbewegen konnten. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Expedition ihren nördlichsten Punkt in der Yelverton Bay erreicht, der nur 875 Kilometer Luftlinie vom Nordpol entfernt liegt. Eine der seltenen glatten Eisflächen sowie günstiges wetter wurde dazu genutzt, um das Expeditionsteam nach 44 Tagen Gesamtdauer mitsamt den Hunden ausfliegen zu lassen. Während der Expedition wurden zudem rund um die Uhr Messungen für das Institut für Umweltphysik der Universität Bremen durchgeführt.

Trotz einer täglichen Kalorienaufnahme von rund 5000 Kcal pro Person zeigten sich alle vier Expeditionsteilnehmer nach ihrer Rückkehr um einige Kilogramm Körpergewicht leichter. Die Hunde erhielten übrigens über ein Spezialfutter (1 Kilogramm / Tag und Hund) die gleiche Kalorienmenge. Menschen wie Hunde befanden sich nach der Tour im besten gesundheitlichen Zustand.

 

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Veröffentlichung:

Freitag, 10. Februar 2006