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Juli 2007

Ferien mal anders - auf Spitzbergen

Schüler aus Deutschland und vier anderen Staaten zu Gast bei Arved Fuchs - Klimawandel im Blick

Von Marcus Tackenberg

Hannover/Longyearbyen - Ferien auf Saltkrokan kennen alle, die das wunderbare Buch von Astrid Lindgren gelesen haben. Aber Ferien auf Spitzbergen? "Trotz der Einöde und der spärlichen Vegetation eine beeindruckende Idylle", sagt Tino Tallowitz-Mitzinger im Telefongespräch mit unserer Zeitung. "Eine einmalige Erfahrung, die ich wohl nie wieder machen werde."
Der 17-Jährige aus Altenhagen gehört zu 14 Schülern aus Deutschland, Tschechien, Dänemark, Norwegen und China, die noch bis Sonntag am weltweit einzigartigen Jugendcamp "Ice-Climate-Education" im Rahmen des Internationalen Polarjahres 2007/2008 teilnehmen. Initiator, Expeditionsleiter und einer der Dozenten des neuntägigen Workshops auf der im Nordatlantik gelegenen Inselgruppe ist der deutsche Polarforscher und Abenteurer Arved Fuchs. "Unser Ziel ist es, dass die Schüler als Botschafter der Arktis in ihre Heimat zurückkehren, um auf die Gefährdung der Umwelt in dieser sensiblen Region aufmerksam zu machen", betont Fuchs.
"ich kannte den vorher gar nicht", gibt Tino freimütig zu. Inzwischen sei er ein echter Fan von Fuchs. Am Mittwoch durfte der Schüler der Marie-Curie-Schule Ronnenburg bei einem Ausflug durch die Fjorde sogar den Mast des Haikutters "Dagmar Aaen" hinaufklettern, mit dem Fuchs schon so viele Törns durch die Polargebiete unternommen hat und vor einer Woche Spitzbergen erreichte. Mit einem achtminütigen Film über die Zukunft des Nordpols hatte sich Tino bei dem Wettbewerb fürs Klimacamp beworben.
Siren Rühs von der Gesamtschule Mühlenberg bei Hannover konnte die Jury ebenfalls mit ihrer Zukunftsvision "Arktis 2040" beeindrucken. "Der Klimawandel betrifft uns alle", sagt die 18-jährige Schülerin. Deswegen findet sie es klasse, dass Gleichaltrige aus fünf Ländern dabei sind. "Wir unterhalten uns auf Englisch." Morgens gebe es in der Universität von Spitzbergen spannende Vorträge von Klimaexperten, Laborarbeiten und Museumsbesuche, nachmittags stünden Exkursionen auf dem Plan.
Am Montag galt es, den Berg Sarkofagen über einen Gletscher zu erklimmen. "Keine leichte Aufgabe", meint Siren, "doch am Ende entschädigte die fantastische Aussicht über den Fjord von Longyearbyen die Mühen des Aufstiegs. " Dabei sei den Jugendlichen die Dramatik des Klimawandels vor Augen geführt worden. Spitzbergen gilt unter Wissenschaftlern als "Hot Spot" der Klimaentwicklung. In den vergangenen Jahren 25 Jahren ist die sommerliche Eisfläche in der Arktis von acht auf sechs Millionen Quadratkilometer geschrumpft - eine Abnahme um das Sechsfache der Fläche Deutschlands.
"Anfangs konnte ich kaum schlafen", sagt Siren am Telefon. "Das Thema lässt einen nicht ruhen, wir diskutieren viel. Außerdem wird es ja wegen der Polarnächte nicht dunkel." Natürlich hat Fuchs auch für Abwechslung am Feierabend gesorgt. So wurde am Dienstag nach dem Abendbrot Fußball gekickt. "Das war wohl das nördlichste Match auf dem Planeten", lacht Tino. Auch ein Barbecue sorgte trotz des Windes und einer Außentemperatur von sieben Grad Plus für gute Stimmung. Heute müssen alle Teilnehmer zeigen, was sie gelernt haben. Jeder trägt ein Referat vor. Und bevor es nach Hause geht, gibt es wie auf jeder zünftigen Klassenfahrt noch eine Nachtwanderung.

(erschienen: Neue Osnabrücker Zeitung - 20.07.2007)

 

"Geborgenheit gibt's auch bei minus 50 Grad"

Ein Freund der Extreme: Er stand am Nordpol, zog gleich danach zum Südpol, schifft mehrere Monate lang im Jahr durch die Eismeere - und renoviert zwischendurch sein Geburtshaus in Bad Bramstedt. Wenn einer unterschiedliche Lebensräume kennt, dann dieser Mann.

Von Philip Wesselhöft (Schöner Wohnen)

Arved Fuchs ist schon längst wieder in der Arktis, doch als wir ihn im Museumshafen Flensburg auf dem Forschungsschiff Dagmar Aaen treffen, ist noch April. Es ist kühl, doch Arved Fuchs begrüßt uns im leichten Hemd. Er lässt sich vom frischen Wind in der Förde nicht beeindrucken. Zum Gespräch mit SCHÖNER WOHNEN aber bittet Fuchs unter Deck des ehemaligen Fischkutters. Ein heißer Tee steht auf dem Tisch.

Herr Fuchs, wenn man sich so bei Ihnen umschaut, gibt es nicht gerade viele Räume auf dem Schiff. Haben Sie keine Kapitänskajüte?
Nein. Wir haben nur zwei Räume, die Messe, in der wir gerade sitzen, das ist unser Hauptraum. Dann gibt es das Vorschiff mit fünf weiteren Schlafplätzen, da ist auch meine Koje, auf der Steuerbordseite. Als Kapitän gönne ich mir das Privileg, mir zumindest die Koje auszusuchen. Aber wir legen bewusst darauf Wert, dass sich niemand absondert. Wir sind ein Team, meist um die zehn Männer und Frauen, wir leben und arbeiten hier zusammen. Es ist nicht nötig, ein eigenes Refugium zu haben.
Gibt es auf monatelangen Fahrten durch die Eismeere nicht Momente, in denen man für sich sein möchte? Die einzige Tür, die man hier hinter sich schließen kann, ist die Klotür.
Und die Kojentür. Jede Koje ist wie ein kleiner, privater Raum. Wenn jemand in seiner Koje liegt, dann wird er nicht gestört, außer, man weckt ihn zur Wache. Aber klar, ein Leben auf dem Schiff bedeutet Verzicht auf Privatsphäre. Man muss andere Menschen mögen und sich gleichzeitig selbst gerecht werden. Selbstdarsteller kann man hier nicht gebrauchen, dafür ist es zu eng.
Gab es Mitfahrer, die Sie gerne auf einer Eisscholle ausgesetzt hätten?
So drastisch würde ich es nicht sagen, aber es gab Menschen, die sich nicht ins Team integriert haben; selten zwar, aber es passiert. Dann muss man reagieren und sich von demjenigen trennen.
Liebeleien an Bord seien nicht erlaubt, hört man. Stimmt das auch?
Richtig. Wenn sich hier an Bord ein Pärchen findet und ständig am Schmusen ist, kann das zu einer enormen Belastung führen. Man lebt ja quasi auf einem gläsernen Schiff, da muss es gewisse Spielregeln geben. Man muss kommunikativ bleiben.
Ihre Frau ist bei vielen Fahrten mit an Bord. Wie halten Sie es da?
Wir sind auch Crewmitglieder. Wir tun aber auch nicht so, als wären wir unverheiratet. Den Guten-Morgen-Kuss gibt es schon. Ein frisch verliebtes Pärchen wäre problematischer als eine eingespielte Beziehung.
Diesen Sommer und Herbst werden Sie wieder in der Arktis unterwegs sein. Man kann sich keinen größeren Kontrast vorstellen als den zwischen dem Nordpol und ihren Heimatort Bad Bramstedt. Empfinden Sie das so?
Bad Bramstedt ist für mich nicht der Maßstab, der Kontrast besteht eher zwischen Europa und der Arktis, weil dort oben eben ein völlig anderer Lebensraum ist.
Eine weniger spektakuläre Kleinstadt als Bad Bramstedt kann man sich kaum vorstellen. Suchen Sie deshalb immer wieder extreme Orte auf?
Ich bin in Bad Bramstedt geboren und aufgewachsen und lebe heute noch dort, sehr gern sogar. Ich habe gerade mein Geburtshaus gekauft, das renovieren wir jetzt. Bad Bramstedt ist schon irgendwo die Keimzelle meiner Ideen, meiner Reisen. Ich habe ja schon als Kind meine ganze Freizeit draußen verbracht. Hinter dem Haus begannen Wald, Wiese und Feldmark. Ich brauchte nur 100 Meter vom Haus weg zu sein, und dann war das für mich die Prärie, das Abenteuer. Man musste auch damals sehen, wie weit man sich vorwagen kann. Mit zunehmendem Alter verlagern sich dann eben die Grenzen und die Fähigkeiten, es mit der Wildnis aufzunehmen.
Wenn Sie zurückkehren, schrecken Sie dann in der ersten Zeit nachts hoch und fragen sich, warum der Wind nicht heult, wo Sie eigentlich sind?
Nein, der Wechsel ist immer sehr abrupt. Ganz früher, nach meinen ersten Reisen, da dachte ich nach der Heimkehr, nur in der Natur liegt die Wahrheit, und die Oberflächligkeit des Alltags hier, das ist nicht das wahre Leben. Aber wenige Tage später war man dann schon wieder voll im Alltagstrott. Das habe ich für mich akzeptiert. Ich komme zurück, und dann ist das Schiff auch im Hafen. Ich schrecke nachts nicht hoch und denke, Mensch, ich muss an Deck.
Die meisten Menschen finden Geborgenheit in den eigenen vier Wänden. Sie scheinen dieses Gefühl immer wieder ganz weit weg zu suchen.
Ich habe, glaube ich, ein anderes Verständnis von Geborgenheit als viele Menschen. Für mich kann das bedeuten, in einem Zelt zu sitzen, während es draußen fürchterlich stürmt und bitterkalt ist. Dieses Zelt, diese dünne Zeltwand, die eigentlich nur marginal Schutz bietet gegen die Elemente, ist dann entscheidend. Geborgenheit gibt's mitunter auch bei minus 50 Grad.
Wenn draußen die eiskalte Weite der Arktis liegt, fühlen Sie sich dann als Teil dieser Welt? Oder hört Ihr Lebensraum am Reißverschluss auf?
Naturlandschaften sind für mich etwas sehr Reales. Ich lebe in der Natur, wohl wissend, dass ich bei minus 50 Grad ohne Schutz auf Dauer nicht bestehen kann. Dafür ist der Mensch zu fragil, er hat eben kein Pelz wie ein Eisbär. Man muss sich in der Natur selbst behaupten, mit seinem ganzen Know-how; und mit dem Zelt, in dem man den Sturm aussitzen kann.
Fühlen Sie sich noch geborgen, wenn der Schlafsack feucht ist und draußen ein Eisbär ums Zelt schleicht?
Nun ja, man sollte schon darauf achten, dass der Schlafsack trocken ist. Natürlich ist man sich der latenten Bedrohung bewusst. Hält das Zelt im Sturm? Wo ist der nächste Eisbär? Aber wenn man so in seinem kuscheligen Schlafsack liegt und das Pfeifen des Windes hört, dann freut man sich, das man jetzt nicht raus muss. Es ist auch ein bisschen das Gefühl, den Elementen ein Schnippchen geschlagen zu haben und doch vor Ort zu sein, obwohl der Mensch hier eigentlich gar nicht hingehört.
Das Aufstehen fällt dann morgens sicher besonders schwer?
Man muss wissen, wie man damit umgeht. Man muss den Willen haben, das alles durchzustehen. Es gehört viel dazu, dann eben auch am Morgen aufzustehen, da rauszugehen und zu sagen: Es ist heute morgen minus 50 Grad, aber du hast es nicht anders gewollt, und nun sieh verdammt noch mal zu, wie du da durchkommst. Diese Trotzreaktion ist wichtig, um sich durchzubeißen.
Sie haben einmal gesagt, man sei in seinem kleinen Zelt irgendwo eingesperrt in der Weite der Weiße.
Zelte sind klein. Man kann hocken oder knien, aber nicht aufrecht stehen. Aber man ist den ganzen Tag unterwegs und kann sich frei bewegen. Wenn man dann im Zelt ist, freut man sich darauf, den Kocher anzumachen und einen heißen Tee zu trinken. Aber wenn man einen Sturm absitzt und zwei, drei Tage tatenlos im Zelt hockt, dann wird es unangenehm, und man will einfach nur weiter.
Vor allem, wenn Reinhold Messner mit im Zelt hockt. Seit ihrer dreimonatigen Expedition zum Südpol 1989 sprechen Sie beide nicht miteinander. Das war eine extreme Männer-WG, oder?
Es gibt in solchen Situationen keine Räumlichkeit, in die man sich zurückziehen könnte. Aber es ist auch eine gute Lebensschule, sich einfach mal mit einer Situation arrangieren zu müssen, aus der man nicht weglaufen kann. Ich glaube, die Menschen laufen heute vor viel zu vielen Dingen davon. Und natürlich spricht man auch über persönliche Dinge, man schweigt sich nicht drei Monate lang an, das würde ja keiner aushalten. Aber trotzdem ist halt nicht mehr daraus entstanden.
In dem Moment, als Sie am Südpol standen, was haben Sie da gedacht? Ganz schön weit weg von zu Hause?
Der ist so eine Sache, der Südpol. Man muss ihn erst mal finden. Man läuft mehr als 40 Tage durch diese weiße Wüste und sieht dann mit Glück irgendwann diese kleine, silberne Kuppel der Station auftauchen. Man ist dann einfach überwältigt. Klar, man weiß, hier laufen alle Längengrade zusammen, und man ist bei 90 Grad südlicher Breite. Hier hat Amundsen gestanden. Ich brauchte aber lange, um das wirklich zu verstehen.
Haben Sie zu Hause viele Andenken an Ihre Reisen?
Ich bin kein Jäger und Sammler. Ich habe keine Rettungsringe oder Matrosenhemden an der Wand hängen. Natürlich gibt es einige Sachen, die mir persönlich etwas bedeuten.
Es heißt, Sie hätten eine Walrippe im Wohnzimmer.
Die stammt von einem Walskelett, das ich in der Arktis gefunden hatte.
Und einen Eisbärenschädel...
Auch den, das stimmt. Früher gab es Selbstschussanlagen mit einem Köder und einem seitlich angebrachten Gewehr, und wenn sich der Eisbär den Köder geschnappt hatte, dann schoss ihm das Gewehr durch den Schädel. Eine furchtbare Art, um an das Fell eines Eisbären zu kommen. So einen Schädel habe ich gefunden, natürlich total skelettiert. Den habe ich zu Demonstrationszwecken bei Vorträgen in Schulen gezeigt.
Laufen da nicht alle Schüler weg? Wo doch alle verrückt nach Knut sind, dem Eisbären aus dem Berliner Zoo?
Aber da ist das doch gerade angebracht! Jedes Tier sieht niedlich aus, wenn es jung ist. Aber vermutlich schon zu der Zeit, wenn dieses Interview hier erscheint, wird Knut alle Niedlichkeit abgelegt haben. Er ist ein Raubtier. Eisbären sind Einzelgänger, und sie sind objektiv gefährlich. Diesem Verniedlichen à la Walt Disney schaue ich mit gemischten Gefühlen zu. Jährlich sterben auf Grund des Klimawandels zehn Prozent der Eisbären, das ist die eigentliche Tragik. Insofern ist Knut eine Symbolfigur, weil es Eisbären bald vielleicht nur noch in Tierparks geben wird.
Sie sind seit Jahrzehnten immer wieder in der Arktis unterwegs, in einer Welt, die massiven Veränderungen unterliegt, die verstärkt auch unseren Lebensraum beeinflussen. Wie ist das, wenn man das Schmelzen der Polkappen live vor Ort beobachtet?
Das hat einen ganz, ganz bitteren Beigeschmack. Ich fahre seit bald 30 Jahren dort oben hin, weil mir diese Landschaften so viel bedeuten, und auch die Menschen. Früher war es einfach toll, es ging um Herausforderungen, um Erlebnisse. Natürlich gab es schon damals vielfältige Umweltprobleme. Aber die Veränderungen seit Beginn dieses Jahrtausends, die sind sehr dramatisch. Ich habe meine Unbefangenheit verloren. Wenn ich zum Beispiel mit einem Inuk spreche, einem Freund von mir, der ganz oben in der kanadischen Arktis wohnt, und er erzählt mir, wie spät der Herbst gekommen ist, wie stürmisch es ist und dass das Eis nicht mehr trägt, dann ist das sehr alarmierend. Und nicht nur deshalb, weil es das Leben der Menschen dort verändert, sondern weil es auf das große Ganze Auswirkungen hat. Auf die Welt, auf unser aller Lebensraum.

(erschienen: Schöner Wohnen - 8 / 2007)

 

 

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