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      Dagmar Aaen - Überwinterung Blog
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          Besuch Arved Fuchs in Upernavik
 
               


Mein Besuch auf der "Dagmar Aaen" war längst überfällig. Aber ein Expeditionsprojekt erfordert eben nicht nur ein engagiertes Handeln vor Ort, es müssen auch die organisatorischen und finanziellen Grundlagen immer wieder aufs Neue geschaffen werden. Vortragsveranstaltungen, der Ablieferungstermin des neues Buchmanuskriptes und viele andere Dinge mehr ließen mir wenig zeitlichen Spielraum. Und um es deutlich zu sagen - es gab einfach unheimlich viel zu tun - und schließlich weiß ich das Schiff ja auch in guten Händen.

Am 21. Januar aber war es endlich soweit. Aus dem Fenster der kleinen Turboproppmaschine konnte ich einen ersten Eindruck gewinnen. Mit Ausnahme der zahlreichen Eisberge war die Küste weitgehend eisfrei. Dann die Landung in Upernavik bei Dunkelheit und etwa -12 °C, Windstille und bedecktem Himmel. Ich übernachte im Ort und spreche am nächsten Morgen den Hafenmeister an, ob er eine Möglichkeit sieht, wie ich zum Schiff gelangen könnte. Von Kai, Martin und Rémy habe ich telefonisch erfahren, dass sie mich wegen Eisbildung nicht mit dem Beiboot abholen können. Der Hafenmeister Jacob Lennart weiß Rat und ist - wie übrigens alle Bewohner - unglaublich hilfsbereit. Er spricht mit Henning, der für die Fischfabrik arbeitet und bereits zwei Stunden später stehe ich um 11 Uhr vormittags bei Dunkelheit und leichtem Schneetreiben an Bord des Fischkutters, der zu der benachbarten Siedlung Apilatok will und mich auf dem Weg dorthin in der Nähe der "Dagmar Aaen" absetzen will.
So erlebe ich mitten im Januar auf 73° Nord eine Fahrt mit einem Fischkutter. Der Suchscheinwerfer bohrt sich einen Lichttunnel durch das diffuse Licht, zwischendrin immer wieder Eisberge, denen der Skipper ausweichen muss - für mich ganz ungewohnt einmal als Zaungast an Deck zu stehen und nicht selbst für die Schiffsführung verantwortlich zu sein. Nach knapp einer Stunde sehen wir zwei Personen auf einer Anhöhe stehen, geschickt manövriert der Grönländer den Kutter an eine Klippe, ich springe hinüber, mein Gepäck fliegt im hohen Boden hinterher und schon sind sie wieder weg. Dafür stehen Kai und Martin vor mir, lange Bärte mit Schnee drin, wir umarmen uns und ich bin froh, endlich da zu sein - angekommen!

Die "Dagmar Aaen" liegt in etwa 20cm dickem Eis fest. Wir können problemlos darüber laufen und an Bord steigen. An Deck empfängt mich Rémy - damit sind wir komplett. Ich komme mir ein wenig vor wie Außerirdischer, der auf einem anderen Planeten zu Besuch ist. Hier die drei Überwinterer in ihrer Isolation und auf der anderen Seite der etwas termin- und fluggestresste Besucher, der sich erst einmal orientieren muss und natürlich jedes kleinste Detail in sich aufsaugt. Nach dem ersten Willkommenskaffee, einem ersten kurzen gegenseitigen Erzählen und der obligatorischen Postübergabe überlasse ich die drei zunächst ihren Briefen und Päckchen.

Langsam wird es hell. Es ist deutlich wärmer geworden, es dürfte nur noch wenige Grade unter Null sein. Ich stolziere um das Schiff herum, richte mich im Vorschiff ein und inspiziere dann den Maschinenraum. Alles sieht ordentlich und aufgeräumt aus.

Später am Tag dann die erste reguläre Besprechung. Ich habe Ersatzteile für das Klo und den einen Generator mitgebracht. technisch scheint alles gut zu funktionieren - das bei dem Dauerbetrieb mal hier und dort etwas gewartet oder repariert werden muss ist völlig normal. Irgendwelche größeren Probleme technischer Art hat es jedenfalls nicht gegeben.

Allerdings merkt man den dreien an, dass die lange Zeit der Dunkelheit und auch der Isolation Spuren hinterlassen hat. Der letzte Grönländer war Weihnachten hier - seitdem ist es sehr still in der Bucht geworden. Während Kai und Rémy sich überwiegend mit ihren Schnitzereien und Kunsthandwerk beschäftigen, ist Martin vornehmlich mit der Kamera beschäftigt. Trotzdem gibt es natürlich sehr viel Zeit - Zeit, die bisweilen auch zur Belastung werden kann. Die drei sind so in ihren persönlichen Fahrbahnen verankert und mit sich selbst beschäftigt, dass darunter auch die Gemeinsamkeit bisweilen zu leiden scheint. Mein Besuch bricht diese eingefahrenen Strukturen auf. Ich rede viel und lange mit jedem einzelnen, dann in der Gruppe. Es hat Spannungen gegeben, Martin fühlt sich bisweilen ausgegrenzt und findet auch in seiner Kameraarbeit nicht die nötige Unterstützung. Alles Dinge und Sachverhalte, über die man sprechen muss, die aber aus meiner Sicht kein gravierendes Problem darstellen.
Viele vermeintliche Probleme wirken in der Enge des Schiffes und der Isolation sehr viel schwerwiegender als sie objektiv betrachtet sind. Ich fordere die drei auf, mehr draußen zu unternehmen.
Am 28. Januar geht zum ersten Mal die Sonne wieder auf und damit ist das offizielle Ende der Polarnacht gekommen. Auch wenn man sie hinter den hohen Bergen noch nicht sehen kann - täglich wird es heller und die Tage werden spürbar länger. "Ihr müsst raus an die Luft, müsst Euch bewegen und gemeinsame Aktivitäten entwickeln!" Was ich von früheren Überwinterungen her kenne, ist auch hier eingetreten. Die langen Wochen der Dunkelheit, die Isolation, der begrenzte Bewegungsspielraum, fehlende soziale Kontakte - das alles belastet die Psyche enorm. Wir hatten vor Beginn der Überwinterung darüber gesprochen, aber irgendwie haben die drei das nicht so richtig an sich rankommen lassen wollen. Aber irgendwann haben sie die Auswirkungen dieser Lebensumstände eingeholt. Kein Mensch steckt die seelische Belastung einer Überwinterung bei anhaltender Dunkelheit spurlos weg. Aber die drei haben bereits die Talsohle durchschritten! Mit der Wiederkehr der Sonne, die sie in wenigen Tagen auch direkt sehen und feiern können, tritt die Überwinterung in eine neue Phase. Es ist quasi die Wiedergeburt, das Erwachen des Lebens in der Natur und der Beginn der Freiluftaktivitäten. Man schöpft neue Energie, neue Lebensfreude. Wie wichtig das Licht und die Sonne für das Leben sind, verdeutlicht solche eine Überwinterung.

Kai und ich führen einige kleinere Reparaturen durch, danach läuft alles wieder wie geschmiert. Zwischendurch schnalle ich mir die Schneeschuhe unter und stapfe die umliegenden Berge hoch. Bei dem immer noch etwas diffusen Licht habe ich einen Überblick über die Bucht und die Fjorde. Mit -2 °C ist es viel zu warm für die Jahreszeit, das zeigt sich auch daran, dass sich kein Meereis bilden will. Die Messboje der Wissenschaftler ist zwar wie vorgesehen eingefroren, allerdings endet das Eisfeld auch am Ausgang der Bucht. Die Landschaft ist atemberaubend. Auf jemanden, der die letzten Monate überwiegend im Büro und in Vortragssälen verbracht hat, wirkt die Szenerie einfach überwältigend. Bei Einbruch der Dunkelheit erlebe ich wie die Nachbarn - die Fuchsfamilie - zu Besuch kommt und sogar an Deck steigt. Sie wittern natürlich die Nahrungsmittel - auch wenn sie nicht gefüttert werden, ihre Neugier kann man schwerlich unterbinden.

Die Tage an Bord verfliegen nur so. Nach rund einer Woche verlasse ich das Schiff auf dem gleichen Wege wie ich gekommen bin. Der Kutter holt mich vereinbarungsgemäß wieder ab. Unabhängig davon, dass ich der Besucher war, glaube ich, war es einfach wichtig, dass jemand von außen "frischen Wind" in die Gruppe gebracht hat. Das haben die drei an Bord auch so empfunden. Sie sind wieder lockerer und positiver gestimmt - ich gehe mit einem guten Gefühl von Bord!

Am nächsten Tag soll mein Flug gehen, aber Pustekuchen - es stürmt aus allen Knopflöchern. Der Flug ist an diesem und auch am nächsten Tag gecancelt. Am Freitag ist das Wetter passabel, aber geflogen wird trotzdem nicht. Am Samstag komme ich endlich weg - allerdings nur mit viel Glück, denn es hat flächendeckender Regen in Grönland eingesetzt. Regen - im Januar - in Grönland...
In Ilulissat können wir wegen des Regens und der Vereisung der Landebahn nicht runter, der Pilot entscheidet sich für Kangerlussuaq. Auch dort Dauerregen und eine spiegelglatte Landebahn. Aber irgendwo müssen wir ja runter. Die Temperatur liegt bei +6 °C, obwohl der Flugplatz im Landesinneren liegt und der Wind vom Inlandeis kommt. Normalerweise ist es hier um diese Jahreszeit -30 bis -40 °C kalt. Während wir zu Hause über den harten Winter lamentieren, der im Grunde genommen für unsere Breiten nur "normal" ist, erlebt ein großer Teil der Arktis einen völlig ungewöhnlichen und milden Winter. Ob und wie stark sich das Meereis ausbilden wird, können auch die Einheimischen nicht sagen. Nirgendwo an der Westküste Grönlands ist das Eis so ausgebildet wie es zu dieser Jahreszeit sein sollte. An vielen Orten hat das Meer noch gar nicht angefangen zu frieren. Im April soll aber schon wieder Eisaufbruch sein. Es sind kaum noch zwei Monate bis dahin.

In den nächsten Tagen fahren Bernd Siering und Uwe Agnes von Topas-Film zum Schiff, um dort zu drehen. Danach wird Anfang März Dirk Notz mit seinen Wissenschaftlern dem Schiff einen Besuch abstatten. Der Frühling bringt viele Aktivitäten mit sich. Und die verbleibenden Wochen werden nur so verfliegen.

Ich wünsche Kai, Rémy und Martin erlebnisreiche und schöne Wochen an Bord der "Dagmar Aaen".


         
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