Shackleton 2000

Shackleton 2000

Die Idee, die Reise der "JAMES CAIRD" nachzuvollziehen, ist mir bereits 1989 gekommen. Damals begann ich die ANTARKTIS -TRANSVERSALE, eine Durchquerung des gesamten antarktischen Kontinentes vom Weddellmeer bis zum Rossmeer unter Einbeziehung des Südpols. Dies war 1914 auch das eigentliche Expeditionsziel der ENDURANCE - EXPEDITION. In 92 Tagen gelang mir zusammen mit Reinhold Messner die erste erfolgreiche Skidurchquerung der Antarktis.

Während dieser Durchquerung hatte ich viel Zeit, über die historische Expedition nachzudenken, insbesondere über die spektakuläre, wie verzweifelte Fahrt der "JAMES CAIRD" bis nach SOUTH GEORGIA. Seither hatte mich der Gedanke nicht mehr losgelassen. Aber erst die Erfahrungen, die ich in den vergangenen 10 Jahren mit unserem Expeditionsschiff "DAGMAR AAEN" im Packeis des Nordpolarmeeres sowie in den stürmischen Gewässern der Kap Hoorn Region gesammelt habe, gab mir die Gewissheit, für die Reise mit einem nur sieben Meter langen Boot durch die "Furious Fifties" und die "Shrieking Sixties" ausreichend gewappnet zu sein. Die Durchquerung der Antarktis auf Ski mutete trotz der Zeitdauer im Vergleich zu der Bootsreise Shackleton geradezu harmlos und einfach an. Zusammen mit drei weiteren Crewmitgliedern der "DAGMAR AAEN" glaubte ich in der Lage zu sein, diese historische Fahrt nachzuvollziehen.

James Caird II

Am 12. Januar 2000 wurde der Nachbau der James Caird von dem Kreuzfahrtschiff "HANSEATIC" vor der antarktischen Halbinsel (Esperanza Bucht) abgesetzt. Start der Expedition war der 19. Januar. Nur unter Segeln gelang es der Expeditionsmannschaft unter Arved Fuchs trotz schwierigster klimatischer Bedingungen und unzähliger Eisberge nach 10 Tagen Elephant Island zu erreichen. Die Zeitdauer für diese relativ kurze Strecke (etwa 150 Seemeilen) mag ein Hinweis auf die Schwierigkeiten sein, mit denen sich die Mannschaft auseinandersetzen musste. Ungünstige und stürmische Winde, die unglaubliche Enge an Bord, die Kälte und die alles durchdringende Feuchtigkeit sowie die heftigen Bewegungen des Bootes in der aufgewühlten See zehrten an den Kräften der Crew. Die James Caird II verfügt über keinen Motor und auch nicht über Radar.

Auf Elephant Island legte die James Caird II einen Tag Pause ein, um sich auf Point Wild umzusehen. An dieser Stelle campierte ein Teil der Shackleton Mannschaft über 4 Monate lang, bis endlich die erhoffte Hilfe eintraf. Arved Fuchs hat den Platz als einen "furchtbaren Ort" bezeichnet, um 4 Monate zu überleben. Am 30. Januar setzte die Mannschaft um Arved Fuchs erneut die Segel, dieses Mal mit Kurs South Georgia.

Selbst mit moderner Ausrüstung ist die Durchquerung immer noch eine schwierige Hochgebirgstour

Als sie 13 Tage später dort eintrafen, hatten sie so ziemlich alles an Schwierigkeiten erlebt, was auch Shackleton zuteil geworden war. Schwere Stürme, in denen sie in der Enge unter Deck zusammengekauert hocken und abwarten und hoffen mussten, sowie atemberaubende Surfs über 10 Meter hohe Wellenberge. Dazwischen Eisberge, Growler und Nebel sowie immer wieder Starkwind und Sturm. Der schlimmste Teil der Reise war die Ankunft auf South Georgia. Anhaltender Sturm, Nebel sowie unzählige Eisberge machten die Annäherung an die Küste zu einer Art Russischem Roulette. Die Mannschaft war entsprechend erleichtert, als unweit der Einmündung in den King Haakon Fjord das Rendezvous mit der "Dagmar Aaen" klappte, die das Boot in das Innere des Fjordes zum Ankerplatz schleppte. Damit war es erstmals gelungen, die komplette Reise der James Caird nachzuvollziehen. Die erste Reaktion der "James Caird II" Mannschaft: "Nie wieder!"

Nach der Landung Shackletons in der King Haakon Bay auf South Georgia startete er zusammen mit Frank Worsley und Tom Crean zu der Durchquerung des Hochgebirges, um Hilfe bei einer der Walfangstationen zu holen. Von dem Gedanken, die Inselgruppe mit der "JAMES CAIRD" zu runden, um eine Walfangstation zu erreichen, hatte Shackleton Abstand genommen. Die Gefahren einer Küstenfahrt bei dem anhaltend stürmischen Wetter und dem schlechten Gesundheitszustand einiger seiner Begleiter schienen ihm zu groß. Stattdessen wählte er die beiden Kräftigsten seiner Begleiter aus und unternahm den Versuch, das unbekannte und zerklüftete Hochgebirge South Georgias zu Fuß zu durchqueren.

Stromness

Ohne geeignete Ausrüstung, ohne Karten und am Rande der physischen wie psychischen Erschöpfung schafften die drei, was nach damaligen Maßstäben völlig unmöglich gewesen ist. Selbst heute mit moderner Ausrüstung und Kartenmaterial ist die Durchquerung immer noch eine sehr ernsthafte und schwierige Hochgebirgstour. Shackleton, Crean und Worsley gingen durch die Hölle - und überlebten. Nach 36 Stunden erreichten sie am Ende ihrer Kräfte Stromness und setzten damit einen Schlusspunkt unter ihre beispiellose Odyssee. Von Stromness aus wurde die Rettungsaktion eingeleitet, die Shackleton selbst, trotz seiner Erschöpfung, mit der ihm eigenen Energie und Vehemenz vorantrieb. Er war selbst an Bord des kleinen chilenischen Schleppers YELCHO, der schließlich die Überlebenden von Elephant Island – nach mehreren vergeblichen Anläufen – abbergen konnte.

Nachdem die Mannschaft der "James Caird II" sich einige Tage von den Strapazen der Bootsreise erholt hatte, starteten sie zu der Durchquerung South Georgias auf der Shackleton Route. Anders als bei Shackleton lag um diese Jahreszeit allerdings kein Schnee, was die Spalten in den Gletschern offen zu Tage treten ließen. Dort wo Shackleton, Crean und Worsley zudem von gutem Wetter begünstigt geradewegs zulaufen konnten, mussten Fuchs und seine Mannschaft wie durch einen Irrgarten aus zerrissenem Eis laufen. Erneut setzten schwere Stürme ein, Nebel und Schneeregen ließen die Expeditionsmannschaft nur langsam vorankommen. Erst als das Wetter sich langsam besserte, kamen sie zügig voran und erreichten schließlich am Nachmittag des 23. Februar die verlassene Walfangstation Stromness. Vor dem verfallenen Haus des ehemaligen Stationsleiters setzten sie schließlich ihre Rucksäcke ab – genauso wie 84 Jahre zuvor Shackleton und seine Begleiter.

Die Expedition Shackleton 2000 war somit am Ziel angelangt und hatte damit erstmals zusammenhängend die historische Route nachvollzogen.