Expeditions-Logbuch
13. Juli 2026
Wenn das Eis ruft
Aufstehen um 3:30 Uhr. Zähne putzen, rein ins Ölzeug. Um 4:00 Uhr ist Wachwechsel. Die nächsten vier Stunden tragen drei Crewmitglieder die Verantwortung für das Schiff, der Rest der Mannschaft schläft noch.
Ein fetter Stratus hat sich über uns gesenkt, es herrscht dichter Nebel. 98 Prozent Luftfeuchtigkeit – alles an Deck ist nass, auch unsere Kleidung wird feucht. Dazu weht ein eisiger Nordwind, das klamme Ölzeug kühlt schnell aus – es ist eine ungemütliche, kalte Wache.
Dazu hat der Atlantik noch ordentlich Schwell, Dagmar Aaen gleitet die Wellenberge hinauf, um gleich wieder ins nächste Wellental zu stürzen. Und dass Schiff rollt: Erst neigt es sich weit nach Backbord über, um sich danach wieder auf die Steuerbordseite zu legen.
Eisberge schieben sich in unsere Kurslinie, sie sind auch im dichten Nebel gut und rechtzeitig zu sehen. Etwas anderes sind die Eisklumpen, die von diesen Eisbergen abgebrochen sind. Diese Growler sind schwer zu erkennen, aber massig genug, um dem Schiff massiv zu schaden. Für die Wache bedeutet das, ständig das Meer im Blick zu haben, um rechtzeitig ausweichen zu können.
Der Wind wird zulegen
Dazwischen beobachten wir immer wieder die aktuellen Wetterdaten für die Region, in der wir unterwegs sind: Der Wind soll auffrischen und es wird wohl schon bald ordentlichen Seegang geben – Wellen genau von vorn. Wir entscheiden uns, dichter an die Küste zu gehen, auch um uns eventuell in eine Bucht zurückziehen zu können, wenn es demnächst richtig stürmisch werden sollte.
Dem Deutschen Wetterdienst übermitteln wir regelmäßig das Wetter rund ums Schiff, damit die Meteorologen diese Daten in ihre Wettermodelle einarbeiten können – Wassertemperatur 2,6 Grad, Luft 2,8 Grad, tiefer Stratus usw.
Nach Stunden an Deck ist die Kälte in unsere Glieder gekrochen. Selbst eine Tasse heißen Tees hilft da nicht weiter – die Wache ist durchgefroren und erschöpft. Nach vier Stunden dann der Wachwechsel. Raus aus dem nassen Ölzeug, der Smut hat frischen Kaffee gekocht. Ausruhen, während sich die nächste Wache weiter durch den eisigen Nebel tastet.
Uli Weih
