Expeditions-Logbuch

17. Juli 2026

Prins Christian Sund

Ikerasassuaq  - Prins Christian Sund

Im dichten Nebel ist die Einfahrt in den Prins Christian Sund kaum zu erahnen. Langsam nähern wir uns dem Fjordeingang, erkennen erst spät die hohen, dunklen Felswände rechts und links der schmalen Passage. Doch dann reißt der Nebel plötzlich auf und die Sonne strahlt – der warme Fels brennt den Nebel weg und wir haben beste Sicht. Uns erwartet „one of the world most magnificient passages“, heißt es im sonst doch eher nüchtern-sachlichen Seehandbuch.

„Ikerasassuaq“ – der große Sund, so sagen die Menschen hier zu dieser Durchfahrt, die die Irmingersee an der Ostküste mit der Baffin Bay auf der Westseite von Grönland verbindet. Ein etwa 100 Kilometer langer, stellenweise aber nur 500 Meter breiter Sund, eingerahmt von hohen Granitwänden, gewaltigen Gletschern, schroffen Bergen. Im Wasser immer wieder massiver Eisgang: riesige Eisberge, die das Inlandseis auf die Reise geschickt hat, aber auch arktisches Packeis aus dem Nordpolarmeer. Kein Wunder, dass der Prins Christian Sund als Highlight vieler Grönland-Kreuzfahrten gilt. Doch wagen die Reedereien eine solche Reise erst im Spätsommer, wenn es etwas weniger Eis gibt. Für die Kapitäne dieser schwimmenden Hotels dennoch eine enorme Herausforderung: Besonders an den extrem engen Stellen bleibt ihnen kaum Raum zum Manöverieren – und wenn gar en Eisfeld die Durchfahrt blockiert, ist Wenden meistens unmöglich.

Sehr schön, aber auch anspruchsvoll 

Darüber hinaus erfordern die berüchtigten Winde und die starken Strömungen im Sund jede Menge Aufmerksamkeit. Die steilen, über 1.000 Meter hohen Felswände wirken wie ein riesiger Düsenkanal; die Winde werden durch diesen engen Kanal gepresst und erreichen hohe Geschwindigkeiten aus kaum vorhersehbaren Richtungen. Ständig wird das Schiff von Wind und Strömung versetzt. Oder es nähern sich Eisberge schneller als dem Mann am Ruder lieb ist.

Dazu kann man hier jederzeit in sehr dichte Nebelfelder geraten, etwa wenn sehr kaltes Polarwasser auf warme Luftmassen trifft, die über den Felsen aufgeheizt wurde. Dann kann dichter Nebel entstehen – und Eis ist dann nur sehr spät auszumachen. Trotzallem: „Ikerasassaq“ ist ein unvergleichliches Erlebnis, das Seehandbuch hat nicht übertrieben.

Bunte Häuser unter Felswand

Nach langer Fahrt durch den Sund nehmen wir unterhalb einer mächtigen, fast senkrechten Felswand einige bunte Häuser wahr: Aappilattoq. Eines der kleinsten dauerhaft bewohnten Dörfer von Grönland, extrem isoliert, leicht zu übersehen. „Aappilattoq“ bedeutet in der Sprache der Inuit die Seeanemone. Ein schöner Name für diesen Flecken, in dem rund 80 Menschen leben. Wie fast alle Siedlungen auf Grönland, ist das Dorf ausschließlich auf dem Seeweg zu erreichen.

Die Menschen hier haben sich den Bedingungen perfekt angepasst. Sie leben fast vollständig von der Jagd auf Robben und vom Fischfang. Was gefangen wird, teilt sich die Dorfgemeinschaft. Die bunten Häuser bilden einen fröhlichen Kontrast zum rötlichen Grau der Felslandschaft. Früher hatten die Farben eine funktionale Bedeutung: so stand z.B. rot für die Schule oder die Kirche, gelb war das Haus des Arztes oder – sofern vorhanden – das Krankenhaus.

Bildung kann Abschied bedeuten

Als wir in der Siedlung anlegen ist unser Schiff schnell von neugierigen Kindern umringt, die uns anlachen und viele Fragen stellen. Ein fremdes Schiff im Dorf, das ist immer auch ein Ereignis. Wir erfahren, dass alle Kinder von Aappilattoq in einer winzigen Schule unterrichtet werden. Und weil es nur wenige Kinder gibt, haben Schüler verschiedener Altersstufen meist gemeinsam Unterricht.

Zumindest funktioniert das in der Grundschule und der Mittelstufe so. Wer danach auf eine weiterführende Schule gehen möchte, muss das Dorf verlassen. Das jedoch bedeutet für die Kinder bzw. Jugendlichen einen radikalen Einschnitt in ihr Leben. Sie müssen im Alter von 15 oder 16 Jahren ihre Heimat komplett verlassen. Das bedeutet Abschiede für Monate – die Jugendlichen sehen ihre Familien und Freunde oft nur an Weihnachten oder in den Sommerferien. Den Rest des Jahres sind sie auf sich allein gestellt. Für die meisten keine einfache Situation. 

Vereinsamung und Überforderung

Da ist zum einen der Kulturschock Großstadt. In Aappilattoq leben rund 80 Menschen, hier kennt jeder jeden. In Städten wie Nuuk dagegen sind es 20.000 Personen und es ist deutlich anonymer. Statt einfachen Holzhäusern, Schlauchbooten und dem Bolzplatz gibt es in der Stadt Plattenbauten, Auto und riesige Einkaufszentren. Für viele Jugendliche aus der abgeschiedenen Welt am Sund ist das eine Überforderung.

Zum anderen erwartet die Jugendlichen Unterricht in einer fremden Sprache. In Aappilattoq sprechen die Menschen Westgrönländisch. Auf den weiterführenden Schulen dagegen ist die Unterrichtssprache Dänisch. Viele Kinder au den Siedlungen aber können kein Dänisch und scheitern in den ersten Monaten auch an dieser Sprachbarriere.

All das führt zu einer sehr hohen Abbrecherquote bei Jugendlichen aus abgelegenen Siedlungen. Wer es trotzdem schafft, die Schule erfolgreich zu bestehen, der geht für das anschließende Studium fast immer nach Dänemark. Eine spätere Rückkehr nach Aappilattoq ist dann so gut wie ausgeschlossen – für Akademiker gibt es  bei den Jägern und Fischern kaum passende Jobs. Und mit ihren neuen Erfahrungen finden die gut ausgebildeten jungen Menschen nur schwer wieder in den Alltag ihrer Heimat zurück. So bedeutet eine höhere Bildung für ein Dorf wie Aappilattoq fast immer auch den Verlust von jungen Menschen.

Uli Weih     

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