Expeditions-Logbuch
27. Juli 2026
Ausflug in die Geschichte
Wir fahren weiter nach Norden. Erleben menschenleere, unberührte Landschaften, ankern in friedlichen Fjorden, fangen Dorsche, entdecken schon lange aufgegebene Siedlungen von Fischern – Grönland begeistert uns!
Nach neun Tagen erreichen wir schließlich Nuuk – und werden von unserem dänischen Freund Claus Hassing begrüßt, der seit Jahren schon für die Firma Würth auf Grönland lebt. Er bereitet uns mit Fisch und Rum einen tollen Empfang.
Unsere bisherige Reise und jetzt Nuuk: Größer könnte der Kontrast kaum sein. Besuchten wir bislang recht kleine Siedlungen mit nur wenigen Menschen, die meistens als Fischer und Jäger ihre Existenz bestreiten, so treffen wir jetzt auf eine Großstadt, auch wenn Nuuk „nur“ knapp 20.000 Einwohner hat. Riesige, langgezogene Wohnblöcke mit grauen Fassaden für viele Menschen anstatt der kleinen, bunten Häuser. Hier begrüßen uns keine Kinder auf der Straße, stehen keine Schlitten in der Landschaft. Stattdessen reihen sich Filialen von dänischen Einkaufsketten aneinander, rumpelt Autoverkehr durch die Stadt.
Ein Highlight jedoch bietet Nuuk: das grönländische Nationalmuseum. Und wir tauchen ein Stück weit in die Geschichte dieser eisigen Insel ein. Aufgrund der extremen Bedingungen blieben viele Landstriche über Jahrtausende menschenleer. Wenn Menschen hierher kamen und einzelne Regionen besiedelten, so verlief das nicht als kontinuierliche Geschichte, sondern eher in Wellen: Nach erfolgreichen Jahren konnte schon eine leichte Verschärfung der extremen Bedingungen häufig das Ende einer Besiedlung bedeuten.
Erste Siedler kamen bereits vor 4.400 Jahren
Im Museum werden verschiedene Phasen dieser frühen Besiedlung von Grönland gezeigt: Die früheste war wohl die „Arctic Small Tool Tradition“. Sie begann schon vor rund 4.400 Jahren. Die Menschen kamen von Nordostasien / Sibirien nach Grönland und konnten aus Steinklingen sowie Knochen oder Treibholz extrem effiziente Harpunen und Speere bauen. Damit machten sie Jagd auf Moschusochsen, Robben und Karibus. Sie verfügten außerdem über erstaunliche maritime Fähigkeiten und überwanden sogar schon kleinere Passagen auf dem Meer, ohne Kompass oder Echolot! Das Museum präsentiert rekonstruierte Gebrauchsgegenstände und die Jagdwaffen aus dieser Zeit – wir können nur staunen, wie hart sich diese Menschen ihr Überleben damals erkämpfen mussten.
In einer zweiten Welle überquerten Jäger aus dem arktischen Raum Kanadas Ellesmere-Island und besiedelten Grönland. Das war zum einen die Independence-I-Kultur, die sich ca. 2.400 bis 1.800 vor Christus im Norden Grönlands, insbesondere in Peary Land, niederließ. Extrem spezialisierte Jäger, die in kleinen, mobilen Familienverbänden in Zelten lebten und vor allem auf Moschusochsen und Robben aus waren. Und zum anderen es Menschen der Saqqaq-Kultur, die im etwas milderen Westen und Südwesten der Insel lebten. Sie entschieden sich dafür, in größeren Gemeinschaften zu leben und Winterhäuser aus Stein und Torf zu bauen.
Wie überlebt man hier - ohne Boote oder Hunde?
Ein großes Rätsel schließlich ist die Dorset-Kultur – Jäger, die jahrhundertelang erfolgreich in der Arktis überlebten und über die wir nur ganz wenig wissen. Eigentlich ist nur klar, was sie nicht hatten: So hat man keine Spuren on Booten oder Kajaks bei dieser Gruppe gefunden. Genauso wenig gibt es Hinweise auf Hunde oder Transportschlitten. Wie haben sich diese Menschen in Grönland bewegt? Wie konnten sie auf die Jagd gehen ohne Kajak? Auch Waffen wie Pfeil und Bogen oder Bohrwerkzeuge waren den Dorset wohl unbekannt. Wirklich rätselhaft. Was sie aber meisterlich beherrschten, war die Jagd nach Robben und Walrossen auf dem winterlichen Meereis. Sie erfanden den Iglu als Schutz und Unterkunft auf dem Eis, entwickelten Lampen, die ihnen mit Robbentran ein wenig Licht in der arktischen Nacht spendeten.
Thule-Inuit setzen sich durch
Doch die massive Abkühlung der Arktis ab dem 24. Jahrhundertmit den stark veränderten Eisbedingungen und auch der Einzug der technologisch deutlich überlegenen Thule-Inuit mit ihren Kajaks, Bögen und Hundeschlitten sorgten letztlich dafür, dass die Jäger der Dorset-Kultur verdrängt wurden. Immerhin: In den Legenden der heutigen Inuit leben die Dorset weiter. In den alten Sagen heißen sie Tuniit – ein Volk von scheuen Riesen, sehr stark, aber auch leicht zu erschrecken.
Und schließlich: die Wikinger. Keine Geschichte von Grönland ohne den Hinweis auf Erik, den Roten. Die Legende erzählt, dass Erik wegen Totschlags für drei Jahre von Island verbannt wurde. Er nutzte die Zeit, um nach der großen, eisigen Insel im Westen zu suchen, von der ihm Fischer berichtet hatten. Mit 25 Schiffen brach er auf, 24 davon erreichten schließlich die Insel. Erik wählte für seine Entdeckung die Bezeichnung Grönland (= Grünland) – und ein geschickter Marketing-Trick von Erik, mit dem er um das Jahr 986 nach Christus weitere Isländer anlockte. Doch selbst für diese harten „Graenlendingar“ war das Leben auf der arktischen Insel alles andere als einfach und so gaben sie die Besiedlung nach rund 400 Jahren wieder auf.
Für uns jedoch ist die Leistung gerade dieser ersten Siedler von Grönland kaum zu fassen. Wir ahnen, welche Strapazen das Überleben damals bedeutet haben muss und wie perfekt sich diese Menschen an die extremen Bedingungen in der Arktis angepasst hatten. Andernfalls hätten sie wohl keinen Winter durchgestanden.









