Expeditions-Logbuch

05. August 2026

Vom Eis zerklüftet, von Gletschern geformt

Seit Tagen sind Nebel, Nieselregen und tief hängende Wolken unsere ständigen Begleiter. Oft gibt die Küste ihre Konturen nur für wenige Augenblicke preis, bevor sie wieder im Grau verschwimmt. Erst langsam erschließt sich uns die Landschaft, durch die wir fahren: schroffe Felswände, tief eingeschnittene Fjorde und eine Küste, die den Eindruck vermittelt, als wäre sie erst gestern vom Eis freigegeben worden.

Eine Landschaft, vom Eis geformt

Labrador bildet den nordöstlichen Teil des nordamerikanischen Festlands. Die Halbinsel erstreckt sich über rund eintausend Kilometer vom 60. bis zum 51. Breitengrad bzw. von der Nordspitze bei Killinq Island bis zum Gebiet der Strait of Belle Isle hinunter.

Kaum eine Region Nordamerikas trägt die Handschrift der Eiszeiten so deutlich wie diese. Mächtige Gletscher haben über Jahrtausende tiefe Fjorde ausgeschürft, Flusstäler geformt und zahllose Seen hinterlassen. Die Landschaft wirkt rau und ursprünglich, fast unberührt.

Labrador umfasst vier Vegetationszonen. Im Süden wachsen ausgedehnte Mischwälder, die weiter nördlich in borealen Nadelwald übergehen. Daran schließt sich eine Übergangszone mit niedrigen, vom Wind gezeichneten Bäumen an, bevor schließlich die baumlose Tundra beginnt.

Genau dort befinden wir uns seit einigen Tagen. Im Norden Labradors bestimmen Felsen, Moose, Flechten und niedrige Gräser das Bild. Selbst mitten im kurzen arktischen Sommer bleibt die Vegetation erstaunlich spärlich. Nur vereinzelt setzen Flechten und Moose grüne Farbtupfer in die graubraune Landschaft.

Vor uns erhebt sich das Torngat-Gebirge. Sein Name leitet sich vom Inuktitut-Wort Torngait ab und bedeutet sinngemäß „Ort der Geister“. Die höchsten Gipfel erreichen über 1.600 Meter und gehören zu den höchsten Erhebungen östlich der Rocky Mountains.

Wenig Grün, erstaunlich viel Leben

Auf den ersten Blick scheint diese Landschaft fast leblos. Tatsächlich bietet sie zahlreichen arktischen und borealen Tierarten einen Lebensraum. Eisbären, Karibus, Polarfüchse, Wölfe und Schwarzbären kommen im Torngat Mountains National Park ebenso vor wie eine Vielzahl von Seevögeln.
Bislang haben wir an Land noch keines dieser größeren Tiere zu Gesicht bekommen. Dafür begleiten uns immer wieder Vögel über dem Wasser. Auch wenn ihre Zahl nicht groß ist, sorgt ihre Vielfalt für Bewegung in einer Landschaft, die ansonsten von Fels, Wasser und Nebel geprägt wird.

Seit vorgestern befahren wir das Seegebiet östlich des Torngat Mountains National Park. Den Nationalpark selbst betreten wir nicht. Unser Kurs führt entlang seiner wilden Küste, während Nebel und Regen die Sicht oft auf wenige hundert Meter begrenzen.

Das Meer sorgt für das Abendessen

Nachdem der Anker in Eclipse Bay fiel, sorgt Matze für den kulinarischen Höhepunkt des Tages. Eigentlich wollte er seine Angel nur „mal kurz“ ins Wasser halten. Wenige Sekunden später lacht er, und ein kapitaler Grönlanddorsch hängt am Haken. Was zunächst wie ein Glückstreffer aussieht, entwickelt sich rasch zu einem kleinen Angelrausch. Weitere Fische folgen, und innerhalb kurzer Zeit ist klar: Das Abendessen ist gesichert.
Miri zaubert daraus am Abend ein hervorragendes Essen. Frischer kann Fisch nicht auf den Tisch kommen.

Auch vor Anker bleibt die Dagmar Aaen niemals unbeaufsichtigt. Jeweils ein Mitglied der Mannschaft übernimmt die Ankerwache und achtet darauf, dass der Anker nicht slippt und alle Systeme arbeiten. Daneben bleibt Zeit zum Lesen, Seekarten studieren oder einfach dazu, der Natur zu lauschen. Das bedeutet: nahezu vollkommene Stille. Nur das Rauschen eines Gebirgsbachs oder eines Wasserfalls ist zu hören.

Auf einem der ältesten Fundamente der Erde

Nur wenige Regionen der Erde geben ihre geologische Geschichte so eindrucksvoll preis wie Labrador. Große Teile des Landes bestehen aus Gesteinen, deren Alter auf bis zu 3,8 Milliarden Jahre geschätzt wird. Sie gehören zum Kanadischen Schild, einem der ältesten erhaltenen Bestandteile der Erdkruste.

Als die Erde langsam abkühlte, bildete sich über dem noch heißen Erdmantel eine feste Kruste. Gewaltige Kräfte im Erdinneren ließen Gebirge entstehen, die im Laufe unvorstellbar langer Zeit wieder erodierten, absanken und zeitweise vom Meer überflutet wurden. Diese Bewegungen wiederholten sich im Laufe der Erdgeschichte vier mal. Heute wirkt sich die Erosion im Gebiet von Labrador stärker aus als die Heraushebung. Deshalb sehen große Teile des Gebietes geologisch so aus, wie vor Jahrmilliarden.
Vor rund 200 Millionen Jahren begann schließlich der Nordatlantik sich zu öffnen. Die Erdkruste wurde auseinandergezogen, und aus einer zusammenhängenden Landmasse entstanden Labrador und Grönland. Betrachtet man ihre Küstenlinien auf einer Karte, lässt sich die frühere Verbindung noch immer erahnen.

Ein Land mit erstaunlich wenig Menschen

Labrador umfasst eine Fläche von fast 295.000 Quadratkilometern, wird jedoch von nur rund 27.000 Menschen bewohnt. Das entspricht einer Bevölkerungsdichte von lediglich etwa 0,09 Einwohnern pro Quadratkilometer. Zum Vergleich: In Deutschland leben im Durchschnitt rund 236 Menschen auf derselben Fläche.

Die Weite dieser Landschaft lässt sich kaum in Zahlen fassen. Wer hier unterwegs ist, begegnet vor allem: Felsen, Wasser und Himmel.

Kurs Süden

Wir setzen unsere Reise Richtung Süden fort. Rund 60 Seemeilen liegen vor uns. Unser Ziel ist das Base Camp am südlichen Rand des Torngat Mountains National Park. Dort werden wir eine offizielle Genehmigung zum Betreten des Nationalparks beantragen und freuen uns schon auf die nächste Episode unserer Reise: Wenn wir wir erstmals mit den Menschen zusammentreffen, die in dieser abgelegenen Region zu Hause sind. Davon berichten wir im nächsten Beitrag.

Thomas

Position: 58.883225, -62.904968

Expeditions-Logbuch

(Auf den Spuren der Geschichte)