Expeditions-Logbuch
07. August 2026
Die Berge, wo die Geister wohnen
Der Anker fällt in St John’s Harbour, einem Seitenarm des Saglek Fjord. Wir haben unser nächstes Etappenziel erreicht. Die Dagmar Aaen liegt vor dem Basecamp des Torngat Mountains National Park. An Land sehen wir mehr als 30 Kugelzelte, zwei Holzgebäude, große Tanks, einen Hubschrauber und mehrere Container.
Das Torngat Mountains Base Camp ist das Herz des Nationalparks. Das saisonale Zeltlager gibt es an dieser Stelle seit 2007. Es ist nur von Juli bis September bewohnt und dient in dieser kurzen Zeit als Ausgangspunkt für Wanderungen, wissenschaftliche Projekte und kulturellen Austausch. Es ist nur per Schiff oder mit dem Flugzeug ereichbar. Etwa 80 Forschende, Ranger, Inuit und Besucher leben hier für einige Wochen Tür an Tür, oder besser: Zelt an Zelt.
Das Camp ist eingerahmt von einem Elektrozaun. Denn regelmäßig erforschen Schwarz- und Eisbären die Grenzen des Lagers. Davon können auch wir später berichten.
Andrew Andersen, mit dem wir im Vorfeld unserer Reise bereits viel Kontakt hatten, kommt per Boot zu uns. Die Begrüßung ist herzlich. Die obligatorische Sicherheitseinweisung für alle Besucher macht er direkt bei uns an Bord.
Andrew ist einer der Koordinatoren von Parks Canada (Parkverwaltung). Er lädt uns auf einen Kaffee in die Camp-Kantine ein. Oberste Regel beim Betreten des Holzhauses: Schuhe aus! Drei verschiedene Besuchergruppen sind gerade im Camp: Ein Sprachseminar für Inuit aus der Region Nunatsiavut, eine Wissenschaftlergruppe und der siebenköpfige Vorstand der Parkverwaltung.
Für uns hält das Camp noch einen ganz anderen Luxus bereit: eine Dusche. Seit unserem Ablegen in Nuuk hatten wir keine Gelegenheit mehr dazu. Nach Tagen an Bord fühlt sich warmes Wasser plötzlich wie eine ziemlich große Errungenschaft der Zivilisation an.
Inuit Games
Am Nachmittag sind wir in das Gemeinschaftszelt eingeladen. Drinnen ist es angenehm warm, Getränke stehen bereit und wir werden herzlich begrüßt. Das Zelt ist neben der Kantine der soziale Mittelpunkt des Camps. Hier finden Sprachkurse statt, es wird gemeinsam gegessen, erzählt und Wissen weitergegeben. Heute stehen die Inuit Games auf dem Programm.
Ein drahtiger Mann, deutlich über sechzig, tritt vor die Gruppe. Er braucht keine große Einleitung. Früher, erzählt er, gab es kein Radio, kein Fernsehen und kein Spielzeug. Die Tage waren lang, das Leben entbehrungsreich. Also forderte man sich gegenseitig heraus. Kraft, Ausdauer, Geschicklichkeit und Durchhaltevermögen wurden spielerisch gemessen, oft mit einem Augenzwinkern, manchmal auch unter Schmerzen.
Bei den Vorführungen wird schnell klar, dass diese Spiele weit mehr verlangen als Muskelkraft. Entscheidend sind Zähigkeit und die Fähigkeit, auch dann noch durchzuhalten, wenn es längst unangenehm wird. Liegestütze werden so ausgeführt, dass man abwechselnd auf Handflächen und Handrücken landet.
Bei einer Übung namens „Airplane“ hilft Alex als einer von drei Assistenten mit. Der Teilnehmer wird an den Ellenbogen und den Füßen angehoben und muss seinen Körper möglichst lange waagerecht und unter Spannung halten. Der erste schafft zehn Sekunden, der zweite fünfzehn. Dann tritt eine Frau nach vorne. Die Zeit vergeht, ohne dass ihre Körperspannung nachlässt. Schließlich geben nicht ihr, sondern den Helfern die Kräfte nach. Als sie abgesetzt wird, sind mehr als 90 Sekunden vergangen.
Viele dieser traditionellen Wettkämpfe leben heute in den Arctic Sports weiter. Was einst Zeitvertreib und körperliches Training für den Alltag in der Arktis war, ist heute ein wichtiger Teil der Kultur der Inuit und anderer indigener Völker des Nordens geblieben. Wer die Spiele erlebt, merkt schnell, dass hier nicht nur Traditionen gepflegt werden. Sie gehören bis heute selbstverständlich zum kulturellen Leben der Inuit.
North Arm
Andrew hat angeboten, uns auf eine Tour durch den Nationalpark mitzunehmen, sofern das Wetter mitspielt. Gestern noch war es windig, grau und kalt. Erst gegen 22 Uhr erreicht uns die erfreuliche Nachricht: Die Tour findet statt. Also klingelt der Wecker bereits um 6 Uhr, damit wir rechtzeitig den North Arm erreichen.
Der Nebel ist verschwunden. Zum ersten Mal seit Tagen sehen wir wieder blauen Himmel. Selbst das Grün der Hänge wirkt nach all dem Grau fast ungewohnt. Die Luft ist trockener geworden, und immer wieder streicht ein überraschend warmer Hauch über das Wasser. Er trägt den Geruch des Landes bis zu uns hinaus. Das Thermometer zeigt gerade einmal 13 Grad. Im Torngat-Gebirge ist das Sommer. Nach Tagen in Grau scheint allein die Farbe Blau allen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.
Der North Arm ist ein rund drei Seemeilen langer Fjord, eingerahmt von bis zu 1.000 Meter hohen Bergen und einem breiten Kiesstrand an seinem Ende. Die Gesteinsformationen gelten als die ältesten der Welt (3,8 Mrd.Jahre). Als wir den Anker fallen lassen und mit dem Schlauchboot übersetzen, warten dort bereits rund 40 Teilnehmer des Base Camps, überwiegend Inuit.
Über einem Feuer wird Wasser erhitzt und Brot gebacken. Vor allem aber wird geangelt. Jung und Alt stehen am Ufer, und beinahe im Minutentakt wird ein Fisch aus dem Wasser gezogen. Die Fische werden direkt filetiert, zum Trocknen vorbereitet oder gleich gegessen.
Andrew versammelt eine Gruppe von 30 Teilnehmern, mehr dürfen den Nationalpark gleichzeitig nicht betreten.
Unser erster Halt führt zu einer archäologischen Fundstelle. Die aufgeschichteten Steinhaufen sind Reste traditionellen Vorratslager („Caches“) der Inuit. Hier wurden Karibufleisch und Fisch gelagert. Das Prinzip war ebenso einfach wie durchdacht: Die Steinhaufen schützten die Nahrung vor hungrigen Kleinsäugern wie Wieseln und anderen Aasfressern und hielten sie gleichzeitig kühl. In einer Landschaft, in der Nahrung nicht jederzeit verfügbar war, konnten solche Vorratslager über den Winter entscheiden.
Wenig später erreichen wir einen Wasserfall, dessen Bach sich tief in den Fels eingeschnitten hat. Weiter flussabwärts legen wir eine Pause ein. Wer möchte, kann in dem glasklaren Wasser baden. Die Gelegenheit lassen wir uns nicht entgehen. Der erste Moment ist eisig, danach fühlt sich das Wasser erstaunlich belebend an.
Zurück am Strand drückt uns ein etwa zehnjähriges Mädchen voller Stolz ihren größten Fang des Tages in die Hand: Einen über 5 Kilogramm schweren Arctic Char (Saibling). Als Dank laden wir sie und ihre Geschwister auf die Dagmar Aaen ein. Ihr Lächeln spricht für sich.
An Eiweißmangel werden wir in den nächsten Tagen jedenfalls nicht leiden.
Ungebetene Gäste
Am Abend wird es hektisch an Bord. Am Ufer ist ein Schwarzbär aufgetaucht. Erst einer, dann sind es drei der pechschwarzen Tiere. Schwarzbären sind kleiner als Eisbären, aber nicht weniger beeindruckend. Auf der Dagmarr Aaen werden die Fotoapparate gezückt. Wie Papparazzi stehen die Crewmitglieder an der Reling und fotografieren, als gäbe es kein Morgen. Auch den Bärenwächtern (bear guards) des Camps sind die neugierigen Tiere natürlich aufgefallen. Als sich die Bären dem elektrischen Schutzzaun etwas nähern, werden die Guards aktiv. Mit Blitz-Knall-Munition wird in Richtung der Schwarzbären geschossen. Deutlich setzen sich die Leuchtspur-Flugkurven gegen den dunkel werdenden Himmel ab. Dann gibt es jeweils einen lauten Knall, der noch lange in den Bergen nachhallt. Die Bären selbst scheint das aber nicht besonders zu beunruhigen. Erst als die erfahrenen Guards gezielter schießen und die Geschosse direkt vor den Bären im Sand auftreffen, ziehen sie sich langsam zurück. Noch spät in der Nacht sehen wir die Lichtkegel der Suchscheinwerfer. Sicherheit geht halt vor.
Der Name Torngait stammt aus dem Inuktitut und bedeutet „Berge wo die Geister wohnen“. Für die Inuit sind die Berge weit mehr als eine spektakuläre Landschaft. Sie sind Teil ihrer Geschichte und Identität. Wer den Nationalpark besucht, betritt deshalb nicht nur eine der abgelegensten Regionen Nordamerikas, sondern auch einen Ort von großer kultureller Bedeutung.
Matze & Thomas
Position: 58.479182, -63.040924























