Expeditions-Logbuch
12. August 2026
Antennenwald – zurück in der Zivilisation
In der Ansteuerung auf unseren Ankerplatz vor dem Korokuluk Brook wird es uns klar – wir sind auf Entzug. Wir sehnen uns nach satter Vegetation, nach Sonne und Menschen. Wochenlang sind wir durch Nebel gefahren und wenn das uns umhüllende Grau mal einen Rundumblick erlaubte, sahen wir karge Gesteinsformationen.
Wenn wir irgendwann mal auf dem AIS (Automatic Identification System) ein weit entferntes Schiff entdeckten, war es sofort Thema. Wir stellen uns vor, wie schön es sein muss, in einer Bucht mit bewaldeten Ufern zu ankern. Wie wohltuend ein wenig grüne Vegetation wirken könnte.
Wie groß unsere Sehnsucht ist, zeigt sich nun in der Ansteuerung. Durch die Ferngläser entdecken wir im Nebel eine kleine Insel. Nichts Besonderes. Aber dann erkennen wir diverse, gedrungene Antennen. Eine ehemalige Funkstation? Mitnichten. Als wir näher kommen, lacht die gesamte Crew. Es sind Bäume, ganz normale Bäume, die wir in unserem Entzugswahn einfach als Antennen eingeordnet haben. Endlich. Auf 57 Grad Nord haben wir offenbar die Baumgrenze erreicht….
Und es geht weiter nach Süden. Im Regen. Seit Stunden, gefühlt seit Tagen und Wochen fällt er auf Deck, läuft über das Ölzeug und nimmt der Küste die Konturen. Trotzdem hat sich die Stimmung an Bord verändert. Alle sind aktiver als sonst, und selbst bei Regen sind ständig Leute an Deck, die eigentlich gar keine Wache haben.
Wir sind auf dem Weg nach Nain. Vor genau zwei Wochen sind wir in Nuuk gestartet. Seitdem waren wir nur wenige Male und immer nur kurz an Land.
Rund 1.200 Menschen leben in Nain – nach Base Camp und Hebron ist das für uns beinahe eine Großstadt.
18 Seemeilen vor Nain taucht dann die erste Fahrwassertonne auf – das erste seit Reykjavík. Ein ungewohnter Anblick nach all den Tagen auf See.
Bei den Fahrwasserzeichen in Kanada gibt es allerdings eine Besonderheit zu beachten. Anders als in Europa erfolgt die Betonnung hier nach IALA B. Bei den lateralen Tonnen bedeutet das beim Einlaufen: Rot kennzeichnet einlaufend die Steuerbordseite, Grün die Backbordseite.
Der nordamerikanische Merkspruch bringt es einfacher auf den Punkt: „Red Right Returning“ – Rot rechts beim Reinfahren.
Dann erreichen wir Nain. Zum ersten Mal seit unserem Ablegen in Nuuk werfen wir wieder die Festmacherleinen über die Poller.
Die Leinen sind fest.
Und fast im selben Moment passiert etwas, auf das wir den ganzen Tag gewartet haben: Es hört auf zu regnen.
Matze & Thomas
Position: 57.157059, -61.687546

