15.08.2021: Eisfahrt

Vor Grönland stößt man auf Meereis. Um Packeis anzutreffen, also gefrorenes Meerwasser, das dann durch Strömungs- und Wellenbewegungen zu Schollen auseinandergebrochen ist, sind wir nicht weit genug in den Norden gefahren. Noch vor fünfundzwanzig Jahren war die gesamte Ostküste Grönlands voll mit Packeis, doch die globale Erwärmung hat es längst weit nach Norden gedrängt.

Eisberge hingegen gibt es heute sogar mehr als früher. Sie entstehen, wenn Gletscher ins Meer fließen, die Eiszungen aufschwimmen und schließlich abbrechen. Man spricht vom Kalben der Gletscher. Wegen des Klimawandels fließen die Gletscher nun schneller als noch vor wenigen Jahrzehnten, wodurch es auch mehr Eisberge gibt: Symptome des Abschmelzens des zweitgrößten Eispanzers dieses Planeten. In Ilulissat beispielsweise schiebt sich der Gletscher heute mit unglaublichen fünfzig Metern pro Tag ins Meer.

Und weil auch Eisberge immer wieder auseinanderbrechen und kleinere Stückchen, je nach Größe sogenannte „Bergy Bits“ oder „Growler“ abwerfen, bedeutet das für uns leider nicht nur atemberaubende Anblicke, sondern auch stressiges Navigieren durch zum Teil dichte Eisfelder. Eisberge, auch kleine, ziehen meist eine ganze Schleppe solcher Abbruchstücke hinter sich her. Besonders in der Nähe von Gletschern, aber nicht nur dort, zwingt uns die Eisdichte häufig dazu, die Fahrt zu verlangsamen, um stets reaktionsfähig zu sein. Schon ein Growler von nur einem Meter Länge kann schnell über eine Tonne wiegen, und obwohl unser Rumpf mit engem Spantenabstand, sechs Zentimeter dicker Eichenbeplankung und sechs Millimeter dicker Aluminiumhaut für die Eisfahrt gut gerüstet ist, wollen wir es nicht darauf ankommen lassen.

Wenn Eis in der Nähe ist, steht deshalb immer ein Mitglied der Fahrwache vorne am Bug, von wo aus die See voraus besser zu überblicken ist, und gibt dem Rudergänger exakte Steuerzeichen. Häufig sind wir dabei zu regelrechten Slalomfahrten gezwungen, bei denen aber natürlich stets auch im Blick behalten werden muss, wo wir überhaupt hinwollen. Hinzu kommt, dass größere Eisberge mit respektvollem Abstand umfahren werden wollen. Durch das Abbrechen von Teilen oder unregelmäßiges Abschmelzen kann sich jederzeit und ohne Vorwarnung die Statik ändern und einen gesamten Eisberg um hundertachtzig Grad umwälzen. Da sich bis zu sieben Achtel eines Eisbergs unterhalb des Wasserspiegels befinden können, kann dies schon bei mittelgroßen Bergen enorme Flutwellen nach sich ziehen, von denen man sich besser fernhält.

Spannend wird es, wenn Nebel aufzieht. Größere Eisberge lassen sich dann zumeist auf dem Radar erkennen, aber kleinere Growler tauchen häufig erst spät wie aus dem Nichts auf und verlangen Ausguck und Rudergänger höchste Konzentration ab. Eine kurze Unaufmerksamkeit könnte dem Rumpf der Dagmar Aaen, auch wenn es nicht dazu reichen würde, unser Leben zu gefährden, schwere strukturelle Schäden zufügen.

Als wir an der Ostküste Grönlands auf unsere ersten Eisfelder stießen, half uns noch die Tatsache, dass es nachts nicht dunkel wurde. Ein paar Stunden Abendrot, während die Sonne unmittelbar jenseits des Horizonts von Nordwesten nach Nordosten wanderte, war die dämmrigste Zeit, doch für den Ausguck reichte die Sicht dabei immer noch völlig aus. Leider ändert sich das in den hohen Breiten schnell. Jeder Tag ist hier im Moment um ganze acht Minuten kürzer als der vorherige. Hinzukam, dass unser Kurs Richtung Süden wies. Bereits Anfang August hatten wir die erste völlige Dunkelheit bei Nacht, und schon in der nächsten Nacht gesellte sich starker Regen hinzu, der die Sicht zusätzlich einschränkte.

Klagen hört man trotzdem von keinem an Bord. Jeder Eisberg ist absolut einzigartig in seiner Form, und wir alle freuen uns über jeden einzelnen, den wir zu Gesicht bekommen – ob wir ihn nun bereits aus acht Meilen Entfernung sehen oder er plötzlich drei Bootslängen vor uns auftaucht.

Kris

Sponsoren, Förderer & Partner

Veröffentlichung:

Samstag, 17. April 2021