27.07.2014: Reykjavik

Reykjavik

Die Überfahrt nach Island war insgesamt von schwachen Winden geprägt. Lediglich die Etappe von den Orkneys war recht ruppig. Es gab eigentlich nur wenig Wind, dafür stand aber noch eine unangenehme See, die uns so richtig durchgeschaukelt hat. Davon einmal abgesehen gab es keine besonderen Vorkommnisse.

Spannend sind im Bereich der Orkneys und Färöer Inseln die starken Gezeitenströme. In den engen Sunden entwickelt sich ein enormer Tidenstrom, der - wenn der Wind dagegen steht - zu wirklich unangenehmen und steilen Seen und Verwirbelungen führen kann. Selbst vor der Küste ist das noch deutlich zu spüren. Ein Strömungsatlas in Verbindung mit Gezeitentabellen ist erforderlich, um eine sichere und zügige Passage zu gewährleisten.

Kap Reykjanes

Auch der weitere Reiseverlauf war eher von schwachen Winden geprägt. Ich habe diese Strecke nach Island schon viele Male zurückgelegt, und so habe ich mich dann auch ein wenig leichtfertig zu der Bemerkung hinreißen lassen, dass das wohl die ruhigste Überfahrt aller Zeiten war. Solche Äußerungen sollte man im Nordatlantik nicht machen! In Sichtweite der isländischen Küste verschlechterte sich das Wetter schlagartig. Kaum hatten wir die Vestmannaeyjar passiert, briste es aus Südost auf, Dauerregen setzte ein und dazu gesellte sich eine in Künstennähe steile Welle. Das Kap Reykjanes rundeten wir mitten in der Nacht bei 35 Knoten Wind und extrem schlechter Sicht.

Bis dahin kam der Wind für uns aus der richtigen Richtung, das änderte sich aber schlagartig, als wir das Kap gerundet hatten und Kurs auf Reykjavik absetzten. Ein übles Gestampfe genau gegenan. Auch hier machte sich der gegenläufige Tidenstrom bemerkbar und baute eine sehr steile und konfuse See auf. Immer wieder tauchte der Klüverbaum komplett in die See ein und das Schiff nahm ordentlich Wasser über. Im Vorschiff unter Deck fühlte sich das an als wenn ein Expressfahrstuhl ständig hoch und runter fährt. Die Amplituden der Wellen waren so kurz und heftig, dass das Schiff buchstäblich auf der Stelle stand. Diese harten Schläge und das abrupte Einsetzen in die ablaufenden Seen stellen eine enorme Belastung für das gesamte Rigg dar.

Mit langsamer Fahrt ging es dann vorsichtig weiter

Auch das Beiboot, das achtern in den Davits hängt, setzte immer wieder hart in die Wellen ein. Was dann genau geschah hat keiner beobachtet. jedenfalls gab es plötzlich einen besonders harten Schlag. Als wir uns umdrehten, war das Backborddavit abgebrochen und mit ihm der gesamte Geräteträger sowie das daran befindliche Beiboot. Das alles hing nur noch an einigen Sicherungsleinen, aber auch die waren an ihrer Belastungsgrenze angelangt. Es bestand die unmittelbare Gefahr, dass der Geräteträger mitsamt den Antennen und dem Beiboot komplett abriss und verlorenging. Als erstes haben wir das Schiff beigedreht und so gut es ging zusätzliche Sicherungsleinen angeschlagen und damit den Geräteträger über die Baumnock gesichert und mit Winden angeholt, so dass er wieder aus dem Wasser kam.

Danach haben wir das Beiboot mit einer Schleppleine versehen und alle anderen Leinen abgeschnitten. Mit ganz langsamer Fahrt ging es dann vorsichtig weiter. Das Beiboot hatte auch noch ein Loch bekommen, Beschläge waren ausgerissen, aber unser Notbehelf hielt durch. Das alles hört sich so einfach und simpel an - auf einem extrem schaukelnden Schiff bei sehr grober See stellt sich das etwas anders dar. Immer besteht die Gefahr, dass sich jemand bei einer solchen Aktion verletzt. Aber alle haben ruhig und überlegt gehandelt, so dass zum Glück nichts passiert ist.

Crewwechsel

Um 8:30 Uhr konnten wir in den Hafen von Reykjavik einlaufen und dort im Yachthafen festmachen. Erst hier wird das volle Ausmaß der Schäden deutlich. Nach der Einklarierung beginnen wir damit, alle Sicherungsleinen zu lösen und die Einzelteile zu bergen. Unsere isländischen Freunde haben einen Schlosser besorgt, der Maß genommen hat und aus Stahl Profile anfertigt, um das gebrochene Davit damit zu schienen. Ein neuer Holzdavit hätte viel zu lange gedauert und außerdem gibt es das Material auf Island nicht so ohne Weiteres. Der Schmied hat wirklich solide Arbeit geleistet! Fest verbolzt, auf jeder Seite des Davits über seine gesamte Länge eine 6 mm dicke Stahlplatte, bringt mindestens soviel Festigkeit wie das Original. Die Arbeiten nehmen uns volle zwei Tage in Beschlag, dann ist alles wieder beim Alten. Die Antennen haben zum Glück keinen Schaden genommen, das Beiboot ist geflickt und das gekappte Tauwerk durch neues ersetzt.

Die Expedition kann wie geplant fortgesetzt werden. Aber ich werde sicherlich nie wieder voreilig von einer "ruhigen Überfahrt" reden, solange wir nicht im sicheren Hafen angelangt sind. Der Nordatlantik hat eben immer das letzte Wort.

Möglich wurde diese schnelle Reparatur übrigens nur durch die Hilfe unserer Freundin Sigga Ragna - einer Isländerin, die schon seit Anfang der neunziger Jahre mit zum Team gehört und in Reykjavik mit ihrer Familie wohnt. Sigga hat u. a. auch die Shackleton-Reise an Bord der "James Caird II" in der Antarktis mitgemacht und 1997/98 die Überwinterung der "Dagmar Aaen" im Scoresbysund geleitet. Nicht nur, dass sie und ihr Mann Böppi mit frischen Brötchen, Käse und Aufschnitt an der Pier standen und uns erwartet haben - innerhalb kürzester Zeit waren alle verfügbaren Handwerker aktiviert, die eigentlich schon ins Wochenende gehen wollten! Freunde auf der ganzen Welt zu haben ist schon eine tolle Sache!

In Reykjavik findet auch ein Crewwechsel statt. Ursula und Kathy sind bereits auf dem Heimweg bzw. wieder zu Hause eingetroffen. Gestern Abend ist Frauke mit dem Fahrrad (!) angekommen. Sie hat die Fähre nach Seyðisfjörður genommen und ist dann die ersten 250 Kilometer über die Pässe mit dem Fahrrad gefahren. Den Rest hat sie dann den Bus genommen - Respekt!

Brigitte, Astrid und Tim treffen heute ein. Damit sind wir zehn Personen an Bord - full house!

       

 

 

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Veröffentlichung:

Donnerstag, 3. Juli 2014