22.09.2003: Cambridge Bay

Cambridge Bay

Wir sind dem Eis entronnen. Am Samstag noch hatte der in der Nähe stationierte Eisbrecher "Pierre Radisson" versucht, uns den Weg in den Norden frei zu brechen, jedoch stand das Eis unter einem gewaltigen Druck. Im Kielwasser des Eisbrechers schossen die Eisbrocken von der Größe eines Pkw wie Korken in die Höhe und schlossen die Fahrrinne sofort wieder. Die "Dagmar Aaen" hätte auf jeden Fall einen Schaden davongetragen, hätten wir eine Weiterfahrt riskiert.

So richteten wir uns auf eine Überwinterung vor Ort ein, was auch gegangen wäre, was uns aber auch vor eine große logistische Herausforderung gestellt hätte. Vorsorglich wurden wir von dem Eisbrecher mit Brennstoff für den Winter versorgt. Die Crew wurde aufgeteilt in die erste Überwinterungscrew und eine weitere Gruppe, die mit dem Eisbrecher nach Resolute gefahren wäre und von dort aus nach Hause geflogen wäre. Die "Dagmar Aaen" hat schon mehrfach im Polareis überwintert, insofern ist die Aufgabenstellung an sich nicht neu gewesen.

Allerdings hätte diese Überwinterung an einem sehr entlegenen und schwer zugänglichen Ort gelegen - darin lag die primäre Problematik. Mannschaft und Ausrüstung zu diesem Punkt zu transportieren wäre sehr aufwändig und teuer gewesen.
Am 20.09. trat plötzlich doch noch der lang ersehnte Wind aus Osten ein: Erst schwach, dann immer stärker fing es an zu wehen und plötzlich kam von der Brücke des Eisbrechers die Nachricht: "Das Eis treibt auseinander." Innerhalb weniger Stunden bildeten sich offene Rinnen im Eis, der Eisbrecher half, Verbindungskanäle zu schaffen und dadurch den Prozess zu beschleunigen.

 

Wir werden erneut den Hafen von Cambridge Bay anlaufen

Dann, bei stockfinsterer Nacht, waren wir frei und konnten uns zusammen mit der britischen Yacht "Polar Bound", die sich in genau der gleichen Situation befand, aus der Eisumklammerung befreien. Der Eisbrecher hat uns den Weg ins offene Wasser gewiesen und uns am nächsten Tag wieder verlassen. Kommandant Serge Brule zeigte sich erleichtert über diese Entwicklung. Da unsere Expedition natürlich mit Zustimmung der kanadischen Coast Guard stattfindet und man genau über unser Projekt informiert ist, verlief die ganze Aktion in einem ausgesprochene freundschaftlichen Ton.
Die gesamte Mannschaft, allen voran der Kommandant des Eisbrechers, war unwahrscheinlich freundlich und hilfsbereit.

Während wir noch im Eis festlagen, konnten wir zu Fuß übers Eis laufen und uns gegenseitig besuchen. Zeit für einen ausgiebigen Gedankenaustausch hatten wir ja genug. Für uns von der "Dagmar Aaen" war dieser enorme Eisbrecher natürlich ein Erlebnis, während die Crew des Eisbrechers fast andächtig vor der vom Eis eingeschlossenen und vergleichsweise spartanisch eingerichteten "Dagmar Aaen" stand. Es war wie ein Treffen von David und Goliath.

 

Da die jahreszeit jedoch schon ziemlich weit fortgeschritten ist, haben wir uns entschlossen, nicht weiter den Weg in Richtung Norden zu wählen, sondern erneut den Hafen von Cambridge Bay anzulaufen, um dort in einem sicheren Gebiet zu überwintern. Teile der Crew werden vor Ort bleiben, während der Rest den Heimweg antreten wird. Wir werden im kommenden Jahr unseren Weg durch die Nordwestpassage von hier aus fortsetzen.
Die Crew und auch die "Dagmar Aaen" haben sich in dieser extrem schwierigen Phase hervorragend bewährt.

Sponsoren, Förderer & Partner

Veröffentlichung:

Mittwoch, 10. September 2014