29.07.2013: Murmansk

Murmansk

Fahrten durch das Eis haben viel mit dem Schachspiel gemeinsam: Nach der Eröffnung folgt Zug auf Zug nach erkennbaren Gesetzmäßigkeiten. Doch der Weg durch die russische Bürokratie ähnelt eher einem Glücksspiel. Trotz vorhandener Genehmigungen von Nationalparkverwaltung und Bundesagentur für Sicherheit der Russischen Förderation (FSB) werden wir immer wieder mit neuen Bestimmungen und Auflagen konfrontiert. Diese versperren uns den nun eisfreien Weg nach Franz-Josef-Land - dabei läuft uns die Zeit davon, denn in der Hocharktis öffnet das Eis höchstens ein kleines Zeitfenster.

Trotz des langen Wartens ist die Stimmung an Bord gut! Dazu trägt neben intensiven Gesprächen und reichhaltiger Arktis-Literatur das Essen von Raimer entscheidend bei. Leicht überwindet er Sprachbarrieren beim Entschlüsseln der Verpackungen russsicher Produkte mit Hilfe unseres Agenten und seiner Mitarbeiterinnen. Warum kann es nicht ebenso auf administrativer Ebene laufen? Dies ist ein bisher unerfüllter Wunsch...

Russische und deutsche Medien greifen unsere missliche Lage auf

Wir liegen in hinterster Ecke im Kohlehafen von Murmansk. Der Mast der "Dagmar Aaen" wird vermutlich nicht mal von den Kennern des Expeditionsschiffes in dieser tristen Umgebung erkannt - er ist mit einem Pfeil auf den Bildern markiert. Der Hafen bringt bei der mitternächtlich tief stehenden Sonne etwas Abwechslung durch Kräne, die den Eindruck von Gottesanbeterinnen vermitteln. Doch uns stinkt's hier in dem rußigen und qualmigen Hafen und wir wollen endlich weiter in den hohen Norden.

Leider sind die Probleme mit der Border Guard wegen unserer Aus- und späteren Einreise immer noch nicht geklärt. Einerseits wird für uns (ebenso wie für befragte Behörden) völlig überraschend die Fahrt vom russischen Murmansk zum ebenfalls russischen Franz-Josef-Land durch dazwischenliegende internationale Gewässer jeweils als Ein- und Ausreise gewertet - und dazu passen die für uns ausgestellten Visa nicht. Zudem gibt es auf den Inseln keine Möglichkeit zum Einklarieren. Andererseits wird für diese Passage eine Genehmigung russischer Behörden gefordert, aber ohne Angabe, wo wir diese (zumindest theoretisch) bekommen könnten. Wir beschreiben dies später ausführlicher.

Archangelsk

Russische und deutsche Medien greifen unsere missliche Lage auf. Beispielsweise informierte der lokale Blog51 weit über die Region hinaus und am Sonnabend filmten russische Sender Schiff und Kapitän im Hafen. Nach heutigen Interviews mit der Border Guard werden sie ihren Beitrag landesweit senden. Bereits letzten Donnerstag meldete das Hamburger Abendblatt: "Russen halten Arved Fuchs im Kohlehafen fest."

Seit gestern liegen noch weitere Yachten im Hafen: ebenso wie das polnische Schiff direkt vor unserem Klüverbaum segelten fünf weitere Schiffe auf einer Regatta von Archangelsk nach Franz-Josef-Land. Obwohl für diese Yachten die gleichen Bestimmungen gelten wie für uns wird hier offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen. Nach Aussagen der Crews der Yachten hatten sie den Status der "Open Border" und keinerlei Probleme oder Auflagen der für sie (und auch für uns!) zuständigen Behörden erhalten. Hiermit ist ganz eindeutig ein Präzedenzfall geschaffen.

Zusammen mit der großen Hilfe involvierter Bundestagsabgeordneter und der deutschen Botschaft arbeiten wir sehr intensiv daran, um nun endlich zu dem bereits bedauerlich späten Zeitpunkt nach Franz-Josef-Land starten zu können.
Wir werden berichten - hoffentlich bald von der "Eröffnung" durch die anspruchsvolle Seefahrt und nicht länger vom zeit- & nervenraubenden Glücksspiel im rußigen Hafen!

 

Text & Fotos: Matthias Berg

Sponsoren, Förderer & Partner

Veröffentlichung:

Montag, 1. Juli 2013