01.08.2013: Chronologie der Ereignisse

Chronologie

Bei der Ankunft in Murmansk am 19.7. bzw. bei der Einklarierung hat noch keiner von Problemen gesprochen, alles verlief weitestgehend normal.

Unserer Expedition lagen folgende Genehmigungen vor: Erlaubnis der Border Guard Archangelsk (zuständig für die Region FJL), sowie Genehmigung der Nationalparkverwaltung FJL und natürlich die erforderlichen Visa. Besonders die Verwaltung des NP hat ein großes Interesse an einer Kooperation, zu diesem Zweck ist auch Vladimir Melnik als Mitarbeiter des NP an Bord.

Am vierten Tag unseres Aufenthaltes beginnen plötzlich die Probleme. "State Port Control" kontrolliert das gesamte Schiff, bemängelt u. a. unsere Erste-Hilfe-Ausrüstung, die absolut professionell zusammengestellt ist. Unsere elektronischen Seekarten, die höchsten professionellen Standards entsprechen, werden als unzureichend bemängelt, es müssen russische Handbücher angeschafft werden, die wir nicht lesen können - insgesamt sind € 2.000 völlig unsinnige Kosten entstanden...

Multiple Entry Visa


Nachdem wir alle Auflagen erfüllt haben, kommt die Border Guard (dem FSB ehemals KGB unterstellt) an Bord und überprüft erneut unsere Pässe. Plötzlich heißt es, dass wir nicht nach FJL können, da wir dafür "Multiple Entry Visa" bräuchten. Unser Hinweis, dass wir von einem russischen Territorium in ein anderes fahren und dabei nur auf hoher See sind wird nicht akzeptiert.

Mit Hilfe der deutschen Botschaft, die wiederum mit russischen Behörden in Verhandlungen steht, lösen wir das Problem indem wir alle unsere Visa umschreiben lassen, um den Auflagen zu entsprechen.

Daraufhin teilt uns die Border Guard mit, dass dies gar keine Visafrage sei, sondern das wir vielmehr eine Befahrungsgenehmigung haben müssten, um die Barentssee (internationales Gewässer) befahren zu dürfen. So etwas gibt es gar nicht. Die Genehmigung würde das Verkehrsministerium ausstellen und das würde mindestens 60 Tage dauern.

Inzwischen laufen auf diplomatischer Ebene Verhandlungen mit russischen Behörden

Man teilt uns mit, dass unsere Genehmigung, die auf einem neuen Gesetz beruht, dass am 29. Mai im Parlament verabschiedet und vom Präsidenten unterzeichnet worden ist, keien Gültigkeit hat, da zuvor ergänzend zu dem Gesetz vom Transportministerium eine Anleitung erstellt werden muss, wie das Gesetz anzuwenden sei. Diese Anleitung gebe es noch nicht, deshalb würde nach der alten Gesetzgebung verfahren werden. Russische Juristen haben uns gesagt, dass dies eine geradezu willkürliche Auslegung sei und geltendes Recht beuge.

Auf unseren Hinweis, dass doch aber die Border Guard Archangelsk (gleichrangig mit der von Murmansk und zuständig für FJL) uns die Genehmigung erteilt habe, hieß es lapidar, die hätten eben einen Fehler gemacht.

RusArc


Inzwischen laufen auf diplomatischer Ebene (Botschaft in Moskau, Auswärtiges Amt, Bundestagsabgeordnete) Verhandlungen mit russischen Behörden. Auch dort herrscht offenbar Ratlosigkeit vor.

Ich werde persönlich bei der Border Guard vorstellig und erbitte auch schriftlich um eine Erläuterung der Umstände. Man wimmelt Vladimir und mich vor dem Tor ab.

Die Agentur RusArc, die auch für uns tätig ist, hat parallel eine Regatta nach FJL organisiert, an der zwei polnische, eine holländische, eine finnische und eine russische Yacht teilnehmen. Die Regatta ist von Archangelsk aus gestartet und hat keinerlei Probleme mit den dortigen Behörden gehabt. Am Sonntag, den 28. Juli - es ist unser zehnter Tag in Murmansk - treffen einige der Yachten in Murmansk ein und werden von der Border Guard des unerlaubten Grenzübergangs beschuldigt. Es wird ein offizielles Verfahren eingeleitet, Boote und Kapitäne werden mit einer Strafe belegt und mit dem Hinweis belehrt, dass sie keinesfalls nach FJL fahren dürften. Die beiden Jahre zuvor war dies noch problemlos möglich gewesen.

Wir leben zwischen Hoffen und Bangen in dem unglaublich dreckigen und lauten Kohlehafen von Murmansk und stehen in stetem Kontakt mit der Botschaft. Dort ist man intensiv bemüht eine Lösung auf diplomatischer Ebene herbeizuführen.

Wir dürfen den Hafen von Murmansk verlassen - allerdings nur Richtung Ausland

Uns läuft die Zeit davon. Am zwölften Tag erhalte ich endlich einen Brief von der Border Guard als Antwort auf meine schriftliche Nachfrage. Man teilt mir mit, dass neben der ominösen Fahrtgenehmigung ein weiteres Problem aufgetreten sei: Man habe kein genaues Verfahren wie wir während der Reise überwacht werden könnten, bzw. wie die aktuelle Position des Schiffes übertragen werden könnte. Technisch ist dies für uns überhaupt kein Problem. Aber man weiß angeblich eben nicht, wie man zu verfahren habe. Der letzte Satz in diesem Brief, der in kyrillischer Schrift auf russisch verfasst ist, ist entscheidend: Wir dürften den Hafen von Murmansk jederzeit verlassen - allerdings nur Richtung Ausland (Norwegen) und nirgendwo sonst in Russland - also auch nicht nach Archangelsk, was wiederum ein Verstoß gegen geltendes Recht ist.

Uns ist allen klar geworden, dass selbst alle diplomatischen Bemühungen ins Leere laufen müssen, da immer wieder neue Auflagen/Probleme initiiert werden. Inzwischen haben wir ohnehin zu viel Zeit verloren, um noch sinnvoll auf FJL arbeiten zu können. Ein Ende dieses Theaters ist zudem nicht in Sicht. Die Tonart uns gegenüber verschärft sich zudem deutlich.

Die gesamte russische Presse ist auf den Fall aufmerksam geworden und berichtet über die "deutsche Yacht im Kohlehafen". Wir bekommen von allen Seiten unglaublich viel Unterstützung - nur helfen tut uns das leider nicht.

Am 31. Juli geben wir auf - es ist der 13. Tag in Murmansk. Beim Auslaufen darf nicht einmal fotografiert werden, obwohl wir nahezu zwei Wochen fotografieren durften. Die anwesende russische Presse darf nicht an Bord und wird kontrolliert. Matthias muss einen Teil seiner Aufnahmen unter Aufsicht aus der Kamera löschen. Vladimir und Slava müssen zurückbleiben, da sie keine Visa für Norwegen haben. Wir alle sind traurig und zutiefst enttäuscht.

Um 19:30 Uhr verlässt der Lotse das Schiff. Wir nehmen Kurs auf Spitzbergen und waschen stundenlang den Ruß und auch ein wenig den Frust vom Deck der "Dagmar Aaen". Die frische Luft und die offene See sind Balsam für unsere Seelen. Ich habe schon viel in Russland erlebt, aber das schlägt wirklich dem fass den Boden aus...

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Veröffentlichung:

Montag, 1. Juli 2013