21.08.2013: Russebukta

Russebukta

Pos. 77° 12' N - 021° 12' E

Svalbard umrundet, die Driftboje an der Packeisgrenze ausgesetzt und zahlreiche Wale, Walrosse, Eisbären sowie tausende von Seevögeln beobachtet – mit vielen spannenden Erlebnissen fahren wir wieder zurück gen Süden! Wir lassen die hohen Berge der arktischen Inselgruppe hinter uns und haben nun wieder „freie Sicht“ auf die Kommunikations-Satelliten, die zuvor verstellt war. Daher die lange Pause und erst jetzt wieder ein Bericht und Bilder von Bord. 

Spätestens auf unserer Fahrt entlang der Nordküste von Svalbard hat das bewegte Meer allen russischen Kohlestaub abgewaschen. Am Nordkap zwischen Wood- und Wijdefjord spülten chaotische, steile Kreuzseen über Dagmar’s Schanzkleid – eine „Vollwäsche“ einschließlich Schleudergang bei Wasser- und Lufttemperaturen um 5° C. 

Prismefjellet

Dieses „Programm“ konnten wir uns selbstverständlich ebenso wenig aussuchen wie die Temperaturen. Doch erster Schneefall am 10. August hatte auch seine schönen Seiten: an den Fjordwänden traten geologische Gebirgsstrukturen wie nachgezeichnet hervor.

In der malerischen Bucht Mushamna ankerten wir in der Nähe des 903m hohen Prismefjellet. An Gipfeln zeigte der Neuschnee fast schon ein „offenes Buch“ – zumindest traten durch den „Puderzucker“ die gefalteten Gesteinsschichten sehr deutlich hervor. Kann man auch darin einen ganzen Winter lang lesen? Wir diskutierten Für und Wider von Überwinterungen an dem entlegenen Ort, an dem sich mehrmals Schiffe einfrieren ließen. Der Hamburger Physiker Hauke Trinks verbrachte hier bereits zwei Winter. Das Treibholz am Strand zeigt deutlich, woher dieser Woodfjord seinen Namen hat: hier treiben jährlich große Mengen Holz an. Dies sind willkommene „Grüße aus Sibirien“.

Dicht am Schiff zogen Wale vorbei und stießen ihren Blas in Sichtweite aus

Am 11. segelten wir aus dem Fjord heraus gen Norden. Am Nordost-Ufer liegt im meist stark rötlich gefärbtem Gestein (von Geologen als Old Red bezeichnet) der Gråhuken: ein dem Wind schutzlos ausgesetzter flacher Uferbereich mit grauen Steinen vor schroffen Felsen. An diesem nicht gerade einladenden Ort überwinterte Christiane Ritter 1934-35 und schrieb darüber ihr tiefsinniges Buch „Eine Frau erlebt die Polarnacht“.

Nach unserem anschließenden „Waschgang“ in den Kreuzseen passten wir wohl bestens in die Hocharktis. Zumindest zeigte sie uns anschließend mehrere ihrer majestätischen und absolut beeindruckenden Seiten: dicht am Schiff zogen Wale vorbei und stießen ihren Blas immer wieder in Sichtweite aus. Eine der 18 Sichtungen bestimmen wir als äußerst seltenen Blauwal, wollen dies aber noch von Experten überprüfen lassen. Ansonsten waren’s 2 Buckelwale sowie Zwergwale und unbestimmte Sichtungen.

Sieben Inseln

Bei den knapp 700 Walross- und sechsfachen Eisbär-Sichtungen gibt’s keine Zweifel, denn wir beobachteten sie teilweise aus unmittelbarer Nähe. So sahen wir vielen Walrossen und einem im Wasser schwimmenden Eisbären direkt in die Augen und standen an Deck im „intensiven Duft“ der Walrosse. Weder der Gestank einer Walross-Kolonie an Land noch wir im Dingi im Wasser brachten die stattlichen Eisbären aus ihrer scheinbar so großen Ruhe – die eines gefährlichen Raubtieres, dem wir mit größtem Respekt begegneten. Und mit geschulterter Waffe, die mitzuführen in Svalbard Pflicht ist. Die rund 150 Walrosse einer am Ufer liegenden Kolonie bewahrten ebenfalls ihre träge Ruhe als ein Eisbär sich diesen bis zu 1,5 Tonnen schweren Kolossen auf wenige Meter näherte. Warum sollten sie ihre bequeme Position mit oftmals eingegrabenen Stoßzähnen verändern? Für den „Herrscher der Arktis“ haben sie trotz seiner enormen Kraft doch eine zu dicke Haut. Höchstens ihre Jungtiere sind bei einem hektischen Aufbruch gefährdet von den Artgenossen überrollt und damit zur Eisbär-Beute zu werden.

Zudem sahen wir noch einmalig einen Eisfuchs und Stefan entdeckte die äußerst seltene Elfenbeinmöwe, die ausschließlich in der hohen Arktis vorkommt. Entlang der Küste fanden wir nur ganz vereinzelte Eisbrocken und kleinere Eisberge auf unserer Fahrt zu den Sieben Inseln, die sehr einsamen und nur selten besuchten nördlichsten Inseln Svalbards mit kargen Tafelbergen.

Dies ist der Preis für eine äußerst spannende und beeindruckende Fahrt durch Eisfelder

„Aus der Ferne und bei schönem Wetter sind die Inseln blau und durchsichtig“, so sah Alfred Andersch sie 1965. Die nördlichsten Inseln blieben auf seiner Fahrt in die „Hohen Breitengrade“, wie er seine Reisebeschreibung betitelt, in unerreichbarer Ferne, da ihn das Eis an südlichen Inseln auf 80° 45´ N stoppte. Wir segelten von der am Nordrand der Inseln liegenden Phippsøya bei kräftigem Südost-Wind bis sechs Beaufort mit erneut rauschender Fahrt mit bis zu acht Knoten auf 81° 31,6´ N (auf der Länge 021° 03,0´ E). Damit waren wir nur noch 942 Kilometer vom Nordpol entfernt – zum Nordkap in Norwegen ist’s 200 Km weiter! Erst so weit im Norden bildete das Packeis eine dichtere Barriere. Auf ihr setzten wir unsere Satellitenboje aus, die nun ihre Positionen meldet.

Am 24. Juni 1827 zog William Edward Parry schwer beladene Boote auf Kufen bei 81° 12,8´ N auf das Packeis. Dieses Jahr wäre es sogar von unserer deutlich nördlicheren Position noch ein weiter Weg bis zu den dazu erforderlich großen Eisschollen gewesen. Der dramatische Verlust des arktischen Meereises ist auch durch solche Vergleiche unmittelbar zu erkennen. Doch trotz allem Eisrückgang: Wasser- und Lufttemperaturen um den Gefrierpunkt und immer wieder dichter Nebel forderten unsere ganze Seemannschaft bei dichtem Schneefall sowie Eis um uns herum und in Segel und Tauwerk an Deck. Dies ist der Preis für eine äußerst spannende und beeindruckende Fahrt durch Eisfelder!

Auf dem Rückweg gen Süden konnten wir drei kleine Inseln an der Nordküste erkunden, die völlig abgeschieden liegen und deren blanke Steine und Geröll mit höchstens ganz spärliche Vegetation dazwischen vermutlich außer uns in diesem Jahr höchstens noch von den zahlreichen Eisbären betreten wurde. Im Gegensatz zu ihnen haben wir andere Gründe uns „auf allen Vieren“ zu bewegen: während wir uns in die spannende Geologie vertiefen. Rund Svalbard liegen die verschiedensten Gesteinsschichten blankgescheuert da und zeigen Kapitel der Erdgeschichte, die bis zu einer Milliarde Jahre zurückreichen.

Edgeøya

Zudem ging’s dicht vorbei an der majestätischen Abbruchkante der fast vollständig vergletscherten Kvitøya. Bei starkem Schwell und einer Prognose von bis zu acht Beaufort starkem Wind war es unmöglich an der exponierten Insel anzulanden – die Arktis stellt eben ihre eigenen Spielregeln auf. Den Starkwind wetterten wir sicher in einer Bucht der drittgrößten Insel Svalbards, der Edgeøya, ab.

Dichter Nebel begleitet uns immer wieder. In der weiterhin bestens gelaunten Crew wird dann gerätselt: ist es um uns herum nun Steingrau, Mausgrau oder doch Aschgrau? Gelegentlich taucht nach der rund 900 Seemeilen langen Umrundung und nach 21 Tagen seit Murmansk beispielsweise der Wunsch nach den Lieben und Freunden zuhause, „dunklen Nächten“ sowie einer heißen Badewanne auf...

 

In unserer letzten hellen Nacht vor Anker in Svalbard tauchte uns das faszinierende Licht des hohen Nordens noch in ein „Field of Gold“: über Stunden wanderte die Sonne handbreit über dem Horizont entlang und zeigte nochmals die ganze Pracht der Mitternachtssonne. Arved wählte erneut eine großartige Ankerbucht: die Russebukta...

Nach intensiven und großartigen Wochen in der Hocharktis ziehen wir nun gerne wieder nach Süden zum 500 Seemeilen entfernten Vardö. Wir melden uns von dort!


Text & Fotos: Matthias Berg

Sponsoren, Förderer & Partner

Veröffentlichung:

Montag, 1. Juli 2013