07.08.2019: Sermilik Fjord

Sermilik Fjord

Durch dicken Nebel steuern wir in den Sermilik Fjord nur ein paar Seemeilen süd-westlich von Tasiilaq. Die Sicht beträgt maximal 10m. Der Arktische Rauch – wie man den hier typischen Seenebel nennt – entsteht bei schönstem Wetter, wenn die Luft über Land sich erwärmt und feuchtigkeitsgesättigt, wie sie ist, über das kalte Wasser streicht. Obwohl über uns der blaue Himmel ersichtlich ist und die Sonne durch den Nebel scheint, nähern wir uns nur im Schritttempo einer anscheinend verlassenen Siedlung - Ikateq. Da weder unsere elektronische Seekarte, noch die Papierkarten hier verlässlich sind und das Radar als einziges Ortungsinstrument durch die Eisberg-Armada auch nur bedingt zur Navigation genutzt werden kann, muss wieder einmal ein Erkundungstrupp los. Sogar die neuesten Papierkarten sind fehlerhaft, haben nur sporadische Tiefenangaben und vermissen gefährliche Unterwasserfelsen.

Das Dinghi fährt voraus, um entlang der Küste eine eventuell mögliche Ankerbucht zu finden, doch vergeblich: Sicht, Untiefen und zu kleine Schwojkreise lassen uns die Nacht zwischen Eisbergen und -schollen treibend im Eingang des Fjords verbringen. Morgens lichtet sich der Nebel langsam und wir können die Fahrt in den Fjord hinein fortsetzen und uns auch Stück für Stück wieder orientieren. Wundersame Eisbergformationen ziehen auf unserem Zickzack Kurs an uns vorbei, dazwischen vereinzelt Buckelwale und bald sind auch Berge und Gletscher bei bestem Sonnenschein ersichtlich. Der Sermilik Fjord entpuppt sich als ein grandioser Naturschauplatz. Wir wollen unsere Wasservorräte wieder auffüllen und entschließen uns heute für einen Eisberg: Das Schmelzwasser fließt hier an mehreren Stellen in kleinen Wasserfällen vom Berg hinab. Die gute Idee wird zu einer nass-kalten und anstrengenden Angelegenheit, doch immerhin – wir bringen 160l bestes Gletscherwasser wieder mit an Bord.

Auf der Suche nach einem möglichen Ankerplatz gelangen wir nach Tiniteqilaq. Die einzige noch bewohnte Siedlung in diesem Fjord. Glücklicher Weise finden wir guten Ankergrund und verbringen die Nacht in Ruhe und erkunden am nächsten Morgen den schönen und einfach grandios am Fjord gelegenen Ort. Eine grönländische Siedlung mit all ihrem Charme aber auch der Realität der Müll- und Fäkalienentsorgung. Die “Shitgang” fährt mit ihrem Truck – einem von zwei Kraftfahrzeugen im Ort – auf ihrer täglichen Beutelsammlung an uns vorbei: Schwarze Plastikbeutel mit Fäkalien, die vor den Häusern am Wegrand stehen, gesammelt und im Fjordwasser entleert werden.

Sermilik Forschungsstation

Am folgenden Abend finden wir auf der Suche nach einem erneuten Ankerplatz die Sermilik Forschungsstation. Nachdem 1933 der Polarwissenschaftler Knud Rasmussen die ersten Untersuchungen an Gletschern durchgeführt hatte, wurde die Sermilik Forschungsstation 1970 als permanente Basisfeldstation zur geomorphologischen, glazialen und Wasseruntersuchungen des Mitivagkat Gletschers eingerichtet. Nur wenig südlich, dort wo einst der Mitivagkat Gletscher im Fjord endete, fällt unser Haken. Während am  nächsten Tag einige wandernd unterwegs sind, holen Tim und Dirk Wasser in der Nähe der Forschungsstation und treffen auf sieben Wissenschaftler aus aller Welt, die dort zwei Wochen verbringen. Sie laden uns ein abends noch einmal vorbei zu schauen, wenn Sie von einem Helikopter Trip zum Inlandeis zurück sind.

Somit landen wir abends an und platzen in ein improvisiertes Forschungslabor der Universität Kopenhagen in einer kleinen Holzhütte in Grönland. Die Wissenschaftler aus Dänemark, Deutschland, Rumänien, Brasilien und den USA tragen transparente Plastikbeutel mit Eis- bzw. inzwischen Wasserproben von außen herein und filtern diese in Weithalsgläser. Der Filter sammelt alles, was wir mit dem bloßen Auge im Wasser nicht sehen können– vor allem Algen. Das ist der Grund, warum die Forscher hier vor Ort sind: Braunalgen, die sonst nur im Wasser leben, wachsen auf dem Eis und gedeihen. Flächige Gebiete des Gletscher- oder des Inlandeises erscheinen dreckig schwarz, braun oder rot. Neben menschengemachtem Dreck und anderen Partikeln in der Luft handelt es sich hierbei jedoch zu 60% auch um Algen. In Gegenden, die wie hier in Grönland nicht viel von Menschen beeinflusst sind, können die Algen gut nachgewiesen werden. Diese wachsen umso mehr, je größer die Menge an Schmelzwasser ist. Nährstoffe beziehen sie wahrscheinlich aus Staubpartikeln aus der Luft und Sedimenten aus Stein, der im Eis eingeschlossen ist.

Und das Sonnenlicht lässt die Algen blühen – und vor allem auch eine dunkle Pigmentierung bilden. Wie auch wir einen UV Schutz entwickeln, in dem sich unsere Haut braun verfärbt im Sonnenlicht, so schützen sich laut der Wissenschaftler auch die Algen auf dem Eis. Leider führt dies dazu, dass die Eisoberfläche sich stärker unter Sonneneinstrahlung erwärmt, mehr Schmelzwasser entsteht, mehr Algen wachsen und blühen, die Eisoberfläche sich mehr erwärmt, … ein Teufelskreis. Die Wissenschaftler wollen auf die  Fragen, welchen Anteil die Algen am Abschmelzen der Gletscher und des Inlandeises haben, wie verbreitet sie sind und ob es Möglichkeiten gibt das Wachstum einzudämmen Antworten finden.

Vor allem sind sie sich darüber einig, dass sie nicht unbeachtet sein dürfen und auch in den Klimamodellen berücksichtigt werden müssen.

Wir schauen den Wissenschaftlern gespannt zu, betrachten dreckige Filter, welche tiefgefroren nach Dänemark geschifft werden, und sehen Braunalgen durch ein Mikroskop.

Lauren

 

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Veröffentlichung:

Samstag, 26. Mai 2018