Expeditions-Logbuch
01. August 2026
Grau.
Es dauerte nur wenige Stunden, bis die Arktis ihre Farben wieder einsammelte. Erst verschwand der Horizont, dann die Konturen des Meeres, schließlich fast jeder Kontrast. Übrig blieben unzählige Grautöne, nasse Luft und ein Meer, das wirkte, als wäre es aus flüssigem Blei gegossen. Seit Dienstagabend begleitet uns der Nebel. Mal dichter, mal lockerer, aber nie weit entfernt.
Dabei hatte der Abend noch vielversprechend begonnen. Gegen 19 Uhr weht der Wind mit 4 bft aus Südost, und wir setzen Fock, Klüver und das Groß im zweiten Reff. Wenig später verstummt die Maschine. Zum ersten Mal seit dem Auslaufen schiebt uns nur noch der Wind vorwärts. Mit rund sechs Knoten gleitet die Dagmar Aaen durch die Davisstraße, der Meerenge zwischen der Baffin Bay und Grönland. Das gleichmäßige Rauschen des Wassers am Rumpf und das Knarren des Riggs übernehmen die Geräuschkulisse.
Dann zieht gegen 22 Uhr der Nebel auf.
Zunächst wirkt er harmlos. Einzelne Schwaden ziehen über das Wasser, lösen sich wieder auf und geben den Blick frei. Doch nach und nach verschwindet der Horizont vollständig. Himmel und Meer gehen ineinander über, Entfernungen lassen sich kaum noch abschätzen und die Welt scheint kleiner geworden zu sein.
Noch bevor sich die Sicht endgültig schließt, zeigt sich Grönland ein letztes Mal. Die Küste versinkt langsam achteraus und am Horizont im Norden sind noch ein paar Eisberge zu sehen. Sie wirken wie helle Schatten in einer Landschaft, der zunehmend die Farben fehlen. Selbst der ungewöhnlich späte Sonnenuntergang um 23:45 Uhr taucht den Himmel nicht in kräftige Farben. Stattdessen verabschiedet sich der Tag beinahe lautlos und verschwindet gemeinsam mit Grönland im Grau.
Mit dem ersten Tag auf See stellt sich auch der vertraute Wachrhythmus ein. Vier Stunden Wache, acht Stunden Freiwache. Nebel bedeutet für die Wache dabei nicht, dass weniger zu tun wäre, eher das Gegenteil. Gerade jetzt heißt es vor allem: gehörig Ausguck gehen, wie der Seemann sagt. Das Radar wird zum wichtigsten Navigationsinstrument, denn der Blick reicht oft nur wenige Schiffslängen weit. Gleichzeitig läuft der Bordalltag weiter. Wetterdaten werden an den Deutschen Wetterdienst übermittelt, die Maschine regelmäßig abgeschmiert und wann immer es geht, stoppen wir das Schiff auf, um mit der CTD-Sonde Messungen durchzuführen. Expedition bedeutet eben nicht nur Segeln, sondern ebenso Forschung, Technik und ein eingespieltes Miteinander.
Die See ist dabei mit einem halben bis einem Meter Welle erstaunlich moderat für diese Gegend. Trotzdem fordert der Beginn dieser längeren Etappe seinen Tribut. Einige an Bord kämpfen mit der Seekrankheit. Das gehört für viele zu den ersten Tagen auf See dazu. Fällt jemand aus, springt selbstverständlich ein anderes Crewmitglied ein. Am nächsten Tag sieht die Welt oft schon wieder ganz anders aus.
In der Nacht lässt der Wind nach. Was zunächst angenehm klingt, bringt eine andere Herausforderung mit sich. Die Dünung bleibt bestehen und lässt die Dagmar Aaen kräftig rollen und arbeiten. Unter Deck wird jede Bewegung zur Balanceübung. Töpfe und Teller wollen festgehalten werden, kleine Alltagsgegenstände entwickeln plötzlich ihren ganz eigenen Willen, und wer sich durch das Schiff bewegt, greift instinktiv nach jedem Handlauf.
Draußen bleibt das Bild unverändert.
Nebel.
Grau.
Der nächste Tag: Es gibt keine Windsee mehr, nur noch lange Dünung und unsere Heckwelle. Das Meer wirkt schwer wie Blei. Himmel und Wasser scheinen aus demselben Material zu bestehen. Surreal. Der Blick erinnert an eine Schwarzweißaufnahme. Es gibt nur noch unzählige Abstufungen zwischen Hellgrau und Anthrazit. Die Arktis zeigt sich in ihrer reduziertesten Form.
In solchen Wachen freut man sich ehrlich auf den Moment, an dem die Ablösung kommt. Nicht, weil die Arbeit keinen Spaß macht, sondern weil eine warme Koje nach vier Stunden in feuchter Kälte ein erstaunlicher Luxus sein kann. Ölzeug aus, Schlafsack zu und für ein paar Stunden den Geräuschen des Schiffes lauschen, bevor die nächste Wache beginnt.
Diese Beschreibung mag nach Tristesse klingen - die Stimmung an Bord leidet darunter jedoch keineswegs - im Gegenteil. Man hilft sich gegenseitig, übernimmt Arbeiten, wenn jemand ausfällt, und lacht gemeinsam über die kleinen Herausforderungen, die das Leben auf See mit sich bringt. Jeder findet langsam seinen Rhythmus zwischen Wache, Schlaf, Mahlzeiten und den Bewegungen des Schiffes.
Auch heute hat der Nebel den Blick bis zum Horizont verborgen. Doch vielleicht gehört genau das zu einer Reise wie dieser.
Nicht jeder Horizont muss sichtbar sein, um den Kurs zu kennen. Wir fahren weiter. Und die Arktis hat ihre Farben für den Moment wieder eingesammelt.






