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24.08.2015: Vigo


Vigo


Erst spät am Abend konnten wir in Falmouth bunkern und verließen die kleine Hafenstadt am Freitag, wurden deshalb relativ schnell von den restlichen Ausläufern des Sturms willkommen geheißen. Südlich des englischen Land's End nahm die Welle von quer ab zu und in Kombination mit dem kräftigen Wind rollte sich unsere "Dagmar Aaen" auf. Unter Fock, Klüver und gerieftem Großsegel  liefen wir mit teilweise 7,5 kn gegen die Wellen an. Das war für die Nachtwache eine echte Herausforderung, da sie die anrollenden Brecher nicht erkennen konnte und deshalb immer wieder auf die teilweise erheblichen Kursverschiebungen reagieren musste. Dadurch lernen die Neulingen an Bord die "Dagmar Aaen" richtig kennen und schätzen...


Auf halber Strecke nach Spanien mussten wir zu allem Überfluss auch noch feststellen, dass die berüchtigte Biskaya ihren Tribut gefordert hatte. Die Plastikisolierung des Gaffelschuhs war kaputt gegangen und hatte durch den harten Druck den Mast an einigen Stellen beschädigt. Auf hoher See wurde eine erste Notreparatur notwendig, da ein Weitersegeln nicht möglich war.


Die zweite Seite der Biskaya lernten wir ebenfalls kennen - Tage mit Hitze und Flaute. Für uns war das allerdings nicht tragisch, da wir in unserem Zustand sowieso nicht segeln konnten. Angekommen im spanischen Vigo stellten wir dann schnell fest, dass der ausgewählte Hafen eher für moderne Yachten ausgelegt war. Doch Volker drehte den Kutter einmal und manövrierte ihn rückwärts an eine Pier, als würde es sich um eine Bavaria mit Bug- und Heckstrahler handeln. Gelernt ist gelernt!



Vor Ort wurde nun die alte Plastikisolierung am Mastschuh komplett entfernt und nach sechhstündiger Suche fanden wir sogar ein Geschäft, dessen Inhaber neue Nylonplatten auftreiben konnte. Unsere Begeisterung war fast endlos als wir feststellten, dass der "Pumpen-Schwengel" fehlte. Obwohl Fabian und Volker das ganze Schiff auf den Kopf gestellt haben, war er nicht auffindbar.


Die Notlenzpumpen können jedoch nur so bedient werden, daher bekam ich die schöne Aufgabe, eine Schlosserei zu finden, die in etwa verstand, was wir wollten. In einer Nachtschicht haben schließlich zwei Schiffstechniker eine neue angefertigt.


Am heutigen Freitag haben uns Arved, Matze und Joachim verlassen - neu an Bord ist Jeremias. Da wir ein wenig auf sein Gepäck warten mussten, haben wir Vigo erst kurz nach Mittag verlassen. Weiter geht es in Richtung Portugal.


Jan Kuchenbecker


 


  


 

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26.08.2015: Lagos


Lagos


Atlantik - portugiesische Küste: Bei bestem Wetter verlässt die "Dagmar Aaen" am 21. August das spanische Vigo. Das nächste Ziel heißt Lagos an der portugiesischen Südküste.


Aufgrund eines Defektes an der Ruderhydraulik müssen wir jedoch nach nur einem Tag auf See schon wieder eine kleine Zwangspause im nächstgelegenen Hafen einlegen. In Figueira da Foz machen sich Volker und Fabian unverzüglich an die notwendigen Reparaturen, damit das Schiff bald wieder startklar ist. Beim Fortsetzen der Fahrt bekommen wir die Ausläufer eines Sturmes zu spüren, der am Sonntag über Vigo hinwegzog.



Cabo de São Vicente


Das Schiff rollt während der gesamten Überfahrt im sogenannten 'Swell', einer teilweise hohen Kreuzsee, die von Nordosten kommt und Teile des Decks unter Wasser setzt. Ein Anwerfen des Bordofens kommt angesichts der Temperaturen unter Deck nicht in Frage, weswegen der Geburtstag von Jan am 24. August mit einem vorher gekauften Kuchen und einem köstlichen Mittagessen gefeiert wird.


Nach wie vor kommt leider kein günstiger Wind auf, der ein Setzen der Segel möglich macht, so dass wir weiterhin motoren. Unter diesen Bedingungen passieren wir Montag gegen Mitternacht die Südspitze Portugals, das Cabo de São Vicente. Immer wieder tauchen in der Nähe des Schiffes oder unmittelbar daneben Delphine auf und schwimmen in der Bugwelle mit.


Ein tolles Schauspiel für das manch einer spezielle Touren bucht, wie wir in Lagos sehen sollten. Im Morgengrauen laufen wir bei klarem Wetter in den Hafen von Lagos ein. Von dort aus wird die "Dagmar Aaen" die Kanareninsel Lanzarote ansteuern.


Jeremias Stein


         

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31.08.2015: Arrecife


Arrecife


Die Überfahrt nach Lanzarote hat nun rund eine Woche in Anspruch genommen. Der Schiffsalltag nimmt seinen gewohnten Lauf. Die Ruderanlage bereitet auch auf dieser Etappe wieder Probleme, so dass wir die Segel einholen und unter Motor weiterfahren müssen.


Am 28. August feiern wir Rubens 20. Geburtstag. Alle stellen sich darauf ein, erst einmal kein Land mehr zu sehen. Auch die Sichtungen anderer Schiffe am Horizont oder dem AIS (einem digitalen Schiffsradar) nehmen ab und bleiben schließlich gänzlich aus.



Buckelwal


Die Ruderwache blickt von Deck aus auf nichts als die Wasseroberfläche. Unvermutete Beobachtungen überraschen angesichts dieser Eintönigkeit umso mehr. Das Springen eines jungen Buckelwals am Horizont, der neben dem Schiff untertaucht wobei er uns seine Fluke zeigt - ebenso wie ein anderer Wal, der die Dagmar einige Minuten begleitet. Während das Schiff mit seinem Bug durch die See pflügt, scheucht ihre Bugwelle andere Meeresbewohner auf. Paarweise oder in kleinen Schwärmen fliehen sie pfeilschnell in einem Gleitflug, der an den von Libellen erinnert, meterweit über die Wellenkämme davon. Die Rede ist von fliegenden Fischen. Dagegen eher träge und behäbig wirkt eine Seeschildkröte, die uns in entgegengesetzter Richtung passiert.


In der Nacht springen kleine Fische aus der vom Mondlicht beschienenen Bugwelle und werden vor den Augen der 0/4-Wache von Raubfischen gejagt. Derartige Beobachtungen sind natürlich nicht die Regel. Das Meeresleuchten aber glüht in jeder Welle, die nachts über das Deck schwappt.



Ziel Praia


Von Bord aus betrachte man das Meer zwar nur von der Oberfläche, trotzdem wird klar, dass es ein vielfältiger Lebensraum für die unterschiedlichsten Arten ist. Man sieht eben doch mehr als "nur" Wasser.


Wir sind gespannt was die Strecke zu unserem nächsten Ziel birgt. Mit Arndt und Frauke haben wir ab Arrecife zwei zusätzliche Crewmitglieder an Bord und nehmen Kurs auf Praia, die Hauptstadt der Republik Cabo Verde.


Jeremias Stein


    

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13.09.2015: Praia


Kap Verdische Inseln


Über weite Strecken trägt der Passat die "Dagmar Aaen" gen Süden. Mit jeder Meile, die das Schiff weiter nach Süden gelangt, nimmt die Hitze unter Deck zu und die Wachen sind froh, wenn nach Sonnenuntergang eine milde Brise aufkommt. Wassertemperaturen von rund 30 °C heizen die Kojen bei einer Luftfeuchtigkeit von 90% auf gut 40 °C auf - ein Ort, an dem niemand mehr Zeit als nötig verbringen möchte.


Über das Achterdeck wird zur Mittagszeit ein schützendes Sonnensegel gespannt, die Fock erfüllt diese Funktion über dem Skylight des Vorschiffes und das Deck wird täglich über den Ablauf des Kühlwassers der Maschine gewässert. Trotzdem wird es angesichts der rasch schrumpfenden Vorräte unausweichlich, Brot zu backen. Die Freiwache verlässt fluchtartig ihre Kojen, als Fabian den Dieselofen anwirft und ihn für den fertig gekneteten Teig aufheizt. Es hat sich gelohnt! Entschädigung für die noch größere Hitze ist ein großer knuspriger Laib frischen Brotes.



Praia auf Santiago


Die Verhältnisse unter Deck der "Dagmar Aaen" sind in gewisser Hinsicht paradox. In Herman Melvilles weltbekanntem Roman Moby Dick ist die Hauptfigur darauf bedacht "vor dem Mast", das heißt als einfacher Seemann, auf einem Schiff anzuheuern. Erfüllt wird ihr Wunsch auf dem Walfänger "Pequod". An Bord der "Dagmar Aaen" verhält es sich genau umgekehrt. Mittschiffs, also "hinter dem Mast", sorgen die Tätigkeit des Smutje und die zeitweilige Anwesenheit von sechs Crewmitgliedern für hohe Temperaturen. das Vorschiff hingegen wird wenigstens minimal von einem Skylight belüftet und bietet höchstens vier Personen Platz. Diese Zahl reduziert zudem den Lärm bei Wachwechseln, der den Schlaf der Freiwache stört. Damit sind nur einige Gründe genannt, die der Bezeichnung "vor dem Mast" mitfahren auf diesem Schiff eine neue Bedeutung geben.


Nach rund zehn Tagen auf hoher See kommen die ersten Inseln der Kap Verden bei diesigem Wetter schemenhaft in Sicht. Als wir im Morgengrauen des 10. September auf unser Ziel Praia auf Santiago zusteuern wird klar, woher das "grüne Kap" seinen Namen hat. Über der steilen Küste erheben sich grüne Wiesen und Berge, der Morgenwind trägt den frischen Geruch von feuchter Erde zu uns herüber. Nach provisorischem Anlegen am Fischereipier und Absprache mit dem Hafenmeister fällt der Anker in der Bucht von Praia.



Außenborder


Leider wurde uns in der Nacht auf den 13. September das Schlauchboot geklaut, welches längsseits an Steuerbord festgemacht war. Nach längeren Diskussionen mit der örtlichen Polizei haben wir zwar das Boot, welches in Polizeigewahrsam war, zurückbekommen, doch der Außenborder blieb verschwunden.
Frauke und Justus haben sich daher auf den Weg gemacht, um schnellstmöglich Ersatz aufzutreiben. Es wurde letztendlich ein luftgekühlter 5 PS - Motor, der zwar in die Jahre gekommen ist, aber seine Zwecke vorerst erfüllt und uns laut, aber gar nicht mal so langsam durchs Wasser schiebt.


              
Jeremias Stein


 

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09.10.2015: Äquator


Äquator


Nachdem wir sechs Tage durch die berüchtigten Flautengebiete in Äquatornähe und gegen leider auf die "Nase" der "Dagmar Aaen" stehende Winde motort sind, können wir uns seitdem an dem stetigen Südost-Passat erfreuen und segeln Richtung Fernando de Noronha, einer Insel, die nordöstlich des brasilianischen Festlandes liegt. Dort soll der nächste Crewwechsel stattfinden.


Alle an Bord genießen die Wachen, die Nächte sind geprägt von eindrucksvollen Naturschauspielen: Neben der "Dagmar Aaen" wird das Meer durch ganze Schwärme von Glühwürmchen in einer Art Unterwasser-Wetterleuchten getaucht, sie ziehen sich als Leuchtspur hinter dem Schiff ins Dunkel - der Mond geht als leuchtende Schale am Horizont auf - fliegende Fische werden durch die Positionslampe surreal in Rot und Grün getaucht... es ist ein eindrucksvolles Erlebnis.


Äquatortaufe


In dieser Atmosphäre passieren wir am 8. Oktober die Äquatorlinie, nachts um 03:19 Uhr UTC. Frauke und Dirk sind auf Wache und halten den Moment fest, die anderen schlafen, um für die kommenden Wachen fit zu sein. Am kommenden Mittag werden wir dann von Franz und Volker einzeln zur Taufzeremonie aus dem Mittschiff geholt, in das sie uns vorher eingesperrt hatten. Die beiden sind als alte Fahrensmänner schon oft über den Äquator gefahren und führen die traditionelle Taufe durch. Wir Täuflinge müssen einen Bogen mit nautischen und meereskundlichen Fragen ausfüllen wie beispielsweise die nach der Farbe der Äquatorlinie.


Da wir sie alle nur lückenhaft und teilweise falsch beantwortet haben, müssen wir eine gestrenge Prozedur über uns ergehen lassen: Die Schiffsglocke muss von uns auf Hochglanz gebracht werden, die falsch oder unzureichend beantworteten Fragen werden mündlich nachgeprüft, nur aufgrund der Nachsichtigkeit von Neptun und seinen Vertretern an Bord gelingt es und allen, die Äquatortaufe zu bestehen, nicht ohne zum Schluss mit einem Kübel Meerwasser getauft zu werden, wenn wir die Frage nach der Farbe der Äquatorlinie falsch beantwortet hatten. (sie ist eben nicht Magenta)


Jetzt segeln wir also auf der Südhalbkugel - sind auf der "Dagmar Aaen" getauft - ein besonders eindrucksvolles Erlebnis für uns alle.


Dirk Schröder-Brandi