Expeditions-Logbuch
11 July 2026
Sermersuuaq – das große Eis
Wir verlassen Tasiilaq und fahren weiter in Richtung Süden. Unser heutiges Ziel: eine geschützte Bucht vor der Hornemann-Insel. Dort wollen wir ankern.
Gegen Abend dann tasten wir uns vorsichtig in die Bucht: zahlreiche Eisberge wurden hier herein getrieben und erfordern geschickte Ausweichmanöver. Zudem müssen wir stets unseren Tiefenmesser aufmerksam im Blick behalten - die Wassertiefe würde nur ein Ankern nah an den Uferfelsen erlauben, doch dort wird es schlagartig flach. Der hintere Teil der Bucht ist immer noch komplett eingefroren, eine rund 60 cm dicke Eisplatte ruht auf der Wasseroberfläche. Schnell wird klar: Der beste Liegeplatz für diese Nacht ist die Eiskante. Wir gleiten mit Dagmar Aaen langsam gegen die Kante, schleppen den Anker auf das Eis, graben ihn ein – und das Schiff liegt fest.
Jetzt ist Zeit, sich diese Bucht genauer anzuschauen. Auf der riesigen Eisfläche vor uns liegen rund 20 Robben. Neugierig schauen sie immer mal wieder zu uns herüber. Doch so idyllisch das auf den ersten Blick auch erscheinen mag: Wo Robben liegen, sind Eisbären meistens nicht weit – für sie ist das ein perfekter Ort, um Beute zu machen. Und wir können nicht ausschließen, dass sie dann auch einen Abstecher zu unserem Schiff machen. Das bedeutet: Diese Nacht gehen wir auf Anker- und auf Bärenwache.
Inlandseis in Sichtweite
Wenn wir uns umdrehen, sehen wir das grönländische Inlandseis in einer Entfernung von rund 15 Kilometern. Weiß strahlt uns diese riesige Eismasse an. Wir stehen vor einem wunderschönen Naturphänomen und gleichzeitig vor einem hochsensiblen Klimasystem, dessen Zustand gravierende Folgen für das globale Klima hat.
Der Eispanzer bedeckt mehr als 80 Prozent der Gesamtfläche von Grönland und misst rund 1,8 Millionen Quadratkilometer. Das Eis ist durchschnittlich rund 2.000 Meter dick – in einigen Bereichen sind es sogar 3.000 Meter. Die Ausdehnung von Nord nach Süd beträgt mehr als 2.500 Kilometer, das ist so weit wie von Norddeutschland bis Nordafrika. Das Eis speichert gigantische Mengen Süßwasser, sein Volumen wird auf 2,8 Millionen Kubikkilometer geschätzt. Eine kaum vorstellbare Menge. An der Eisoberfläche liegt die Jahresmitteltemperatur bei -32 Grad, die Höhe und die Reflexion der Wärmestrahlung schützen das Eis.
„Sermeq“ bedeutet in der Sprache der Inuit Gletscher, „suaq“ bedeutet groß. „Sermersuaq“ – das große Eis, so lautet der grönländische Name für das Inlandseis, so lange die Menschen hier denken können.
Abschmelzungsprozess bereits im Gang
Doch wie lange das noch so bleibt, ist ungewiss. Allein zwischen 2011 und 2014 verlor der Eispanzer im Durchschnitt rund 269 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr, sagt eine Studie von Malcolm MacMillian, die 2026 veröffentlicht wurde. Eine globale Erwärmung um mehr als drei Grad könnte zu einem vollständigen Abschmelzen des grönländischen Eisschilds führen, warnen Klimaforscher. Der Meeresspiegel würde dann um ca. 7,20 Meter ansteigen. Eine Folge dieses Abschmelzens wäre unter anderem auch, dass sich wohl der Warmwasserzufluss in den Nordatlantik erheblich verringern würde, weil durch den erhöhten Eintrag des geschmolzenen Eises der Süßwasseranteil steigen und damit die thermohaline Zirkulation und das Golfstromsystem gestört würde.
Über welchen Zeitraum sich der Abschmelzungsprozess erstrecken wird und ob nach Überschreiten von kritischen Schwellenwerten überhaupt noch eine Stabilisierung zu erreichen ist, hängt von vielen Faktoren ab. Fakt ist, dass das Inlandseis bereits heute weniger wird und seine Dicke abnimmt – es schmilzt mehr ab als durch die jährlichen Schneefälle wieder neu hinzukommt. Und da es in tieferen Lagen nicht so kalt ist dürfte sich dieser Prozess immer weiter beschleunigen. Zudem setzen sich Staub- und Schmutzteilchen auf dem Eis ab und behindern die Wärmereflexion – mit der Folge, dass die dunklen Regionen auf dem Eis deutlich schneller schmelzen als die strahlend weiße Eisfläche.
Beobachten, analysieren, verstehen
Dies sind nur zwei alarmierende Prozesse neben der globalen Erderwärmung, die die Existenz des grönländischen Inlandseies massiv gefährden. Das Es vor unserem Ankerplatz ist ein wichtiger Mosaikstein in einem sehr komplexen und sensiblen Klimasystem. Wir beobachten diese Veränderungen und sammeln wissenschaftliche Daten, um auf diese Prozesse aufmerksam zu machen und sie verstehen zu können.
Doch für heute Nacht heißt es auf der Dagmar Aaen erst einmal: Bärenwache!
Uli Weih

