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Sermersuuaq – das große Eis

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Wir verlassen Tasiilaq und fahren weiter in Richtung Süden. Unser heutiges Ziel: eine geschützte Bucht vor der Hornemann-Insel. Dort wollen wir ankern.

Gegen Abend dann tasten wir uns vorsichtig in die Bucht: zahlreiche Eisberge wurden hier herein getrieben und erfordern geschickte Ausweichmanöver. Zudem müssen wir stets unseren  Tiefenmesser aufmerksam im Blick behalten - die Wassertiefe würde nur ein Ankern nah an den Uferfelsen erlauben, doch dort wird es schlagartig flach. Der hintere Teil der Bucht ist immer noch komplett eingefroren, eine rund 60 cm dicke Eisplatte ruht auf der Wasseroberfläche. Schnell wird klar: Der beste Liegeplatz für diese Nacht ist die Eiskante. Wir gleiten mit Dagmar Aaen langsam gegen die Kante, schleppen den Anker auf das Eis, graben ihn ein – und das Schiff liegt fest.

Jetzt ist Zeit, sich diese Bucht genauer anzuschauen. Auf der riesigen Eisfläche vor uns liegen rund 20 Robben. Neugierig schauen sie immer mal wieder zu uns herüber. Doch so idyllisch das auf den ersten Blick auch erscheinen mag: Wo Robben liegen, sind Eisbären meistens nicht weit – für sie ist das ein perfekter Ort, um Beute zu machen. Und wir können nicht ausschließen, dass sie dann auch einen Abstecher zu unserem Schiff machen. Das bedeutet: Diese Nacht gehen wir auf Anker- und auf Bärenwache. 

Inlandseis in Sichtweite

Wenn wir uns umdrehen, sehen wir das grönländische Inlandseis in einer Entfernung von rund 15 Kilometern. Weiß strahlt uns diese riesige Eismasse an. Wir stehen vor einem wunderschönen Naturphänomen und gleichzeitig vor einem hochsensiblen Klimasystem, dessen Zustand gravierende Folgen für das globale Klima hat.

Der Eispanzer bedeckt mehr als 80 Prozent der Gesamtfläche von Grönland und misst rund 1,8 Millionen Quadratkilometer. Das Eis ist durchschnittlich rund 2.000 Meter dick – in einigen Bereichen sind es sogar 3.000 Meter. Die Ausdehnung von Nord nach Süd beträgt mehr als 2.500 Kilometer, das ist so weit wie von Norddeutschland bis Nordafrika. Das Eis speichert gigantische Mengen Süßwasser, sein Volumen wird auf 2,8 Millionen Kubikkilometer geschätzt. Eine kaum vorstellbare Menge. An der Eisoberfläche liegt die Jahresmitteltemperatur bei -32 Grad, die Höhe und die Reflexion der Wärmestrahlung schützen das Eis. 

„Sermeq“ bedeutet in der Sprache der Inuit Gletscher, „suaq“ bedeutet groß. „Sermersuaq“ – das große Eis, so lautet der grönländische Name für das Inlandseis, so lange die Menschen hier denken können.

Abschmelzungsprozess bereits im Gang

Doch wie lange das noch so bleibt, ist ungewiss. Allein zwischen 2011 und 2014 verlor der Eispanzer im Durchschnitt rund 269 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr, sagt eine Studie von Malcolm MacMillian, die 2026 veröffentlicht wurde. Eine globale Erwärmung um mehr als drei Grad könnte zu einem vollständigen Abschmelzen des grönländischen Eisschilds führen, warnen Klimaforscher. Der Meeresspiegel würde dann um ca. 7,20 Meter ansteigen. Eine Folge dieses Abschmelzens wäre unter anderem auch, dass sich wohl der Warmwasserzufluss in den Nordatlantik erheblich verringern würde, weil durch den erhöhten Eintrag des geschmolzenen Eises der Süßwasseranteil steigen und damit die thermohaline Zirkulation und das Golfstromsystem gestört würde.

 Über welchen Zeitraum sich der Abschmelzungsprozess erstrecken wird und ob nach Überschreiten von kritischen Schwellenwerten überhaupt noch eine Stabilisierung zu erreichen ist, hängt von vielen Faktoren ab. Fakt ist, dass das Inlandseis bereits heute weniger wird und seine Dicke abnimmt – es schmilzt mehr ab als durch die jährlichen Schneefälle wieder neu hinzukommt. Und da es in tieferen Lagen nicht so kalt ist dürfte sich dieser Prozess immer weiter beschleunigen. Zudem setzen sich Staub- und Schmutzteilchen auf dem Eis ab und behindern die Wärmereflexion – mit der Folge, dass die dunklen Regionen auf dem Eis deutlich schneller schmelzen als die strahlend weiße Eisfläche.

Beobachten, analysieren, verstehen

Dies sind  nur zwei alarmierende Prozesse neben der globalen Erderwärmung, die die Existenz des grönländischen Inlandseies massiv gefährden. Das Es vor unserem Ankerplatz ist ein wichtiger Mosaikstein in einem sehr komplexen und sensiblen Klimasystem. Wir beobachten diese Veränderungen und sammeln wissenschaftliche Daten, um auf diese Prozesse aufmerksam zu machen und sie verstehen zu können.

Doch für heute Nacht heißt es auf der Dagmar Aaen erst einmal: Bärenwache!

Uli Weih

Position: 65.016604, -39.649658

Grönland und das „Rote Haus“

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Besuch im „Roten Haus“

Knapp drei Tage braucht die Dagmar Aaen für die Überfahrt von Island nach Grönland – für uns waren das dieses Mal drei Tage Nordatlantik mit moderatem Wetter, fairen Winden und vielen Wal-Sichtungen. Als wir den Ostgrönlandstrom erreichen, sinkt die Wassertemperatur auf ca. zwei Grad und erste Eisberge tauchen auf. Gigantische weiße Kolosse auf ihrem Weg nach Süden. So faszinierend diese schwimmenden Riesen auch sind: Eine Kollision wäre fatal. Das bedeutet: immer aufpassen und rechtzeitig ausweichen. 

Vor der Siedlung Tasiilaq werfen wir schließlich Anker. Grönland empfängt uns mit blauem Himmel, viel Sonne und milden 6 Grad. Arktischer Sommer! 

Tour durch die weiße Wüste

Hier in Tasiilaq wollen wir Robert Peroni treffen – den Mann, der 1983 gemeinsam mit Pepi Schrott und Wolfgang Thomaseth als einer der Ersten das grönländische Inlandseis an seiner breitesten Stelle durchquert hat. 88 Tage waren die drei Männer unterwegs, ohne weitere Hilfsmittel oder Versorgungsdepots. 1.400 Kilometer durch weiße Wüste, ständig auf der Hut vor den Tücken des Eises und der Bedrohung durch Bären. Eine einzige Strapaze. Aber auch eine prägende Erfahrung für Peroni: Der Extremsportler entdeckt seine Faszination für die Arktis, die Menschen von Grönland, das Leben im hohen Norden. 

Noch heute lebt er in Tasiilaq und betreibt dort das „Rote Haus“. Ein Gästehaus für Besucher, eine Begegnungsstätte für Menschen unterschiedlicher Kulturen, ein Ankerpunkt für viele Menschen aus Tasiilaq. 

Jägerkultur trifft auf Globalisierung

Bewusst beschäftigt er nur Grönländer, gibt den Menschen Arbeit und – noch viel wichtiger: eine Lebens- und Zukunftsperspektive. Denn die sozialen Probleme in Grönland sind riesig. Erst 1982 ist Ostgrönland internationalisiert worden, das heißt, der erste Tourist durfte ohne Genehmigung einreisen. Erst seitdem öffnet sich diese Region langsam. Bis dahin lebten die (allermeisten) Menschen in Grönland für sich und hatten kaum Kontakt zum Rest der Welt. Doch der Einfall der globalisierten Moderne in die traditionelle Jägerkultur ging für viele Menschen in Grönland viel zu schnell und war kaum zu verarbeiten.  

Robert Peroni versucht mit seinem „Roten Haus“ den Inuit Mut zu machen und ihnen nachhaltige Wege aufzuzeigen, die ihre Kultur bewahren und ihnen dennoch eine Zukunft bieten. Mittlerweile beschäftigt er bis zu 70 Menschen aus Tasiilaq, sei es als Guides, Bootsführer oder Hostelmitarbeiter. Es gibt jetzt rund 60 Übernachtungsmöglichkeiten für Touristen, die sich auf Ostgrönland einlassen und die Menschen hier kennenlernen wollen. 

Robert ist mittlerweile über 80 Jahre alt und bemüht sich sehr, dass das „Rote Haus“ auch ohne ihn weiterbestehen könnte. Das ist auf Grund des grönländischen Steuerrechts leider ziemlich kompliziert. Immerhin gibt es seit 2023 die Stiftung „The Red House Greenland Foundation“, die den Fortbestand sichern soll. Wir drücken diesem Projekt auf alle Fälle ganz fest die Daumen! 

Uli Weih

Position: 65.615385, -37.630534

Vestmannaeyjar und Reykjavík

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Heimaey heisst der einzige Ort und Hafen auf den Westmännerinseln (Vestmannaeyjar). Der Name stammt wohl von den Wikingern, die die Inseln als erste erreicht und sich dort angesiedelt haben sollen. 1973 wurde die Inselgruppe von einem Vulkanausbruch erschüttert. Die Einwohner mussten evakuiert werden, und nur mit Mühe gelang es, die Zufahrt zum Hafen mit Seewasser zu kühlen und frei von dem Lavastrom zu halten. Etliche Häuser wurden verschüttet, es gab allerdings zum Glück keine Menschenleben zu beklagen. Ein sehr sehenswertes Museum erzählt die dramatischen Vorgänge während des Vulkanausbruchs… Heute gilt der Hafen als der sicherste an der Südküste Islands – entsprechend hat sich die Fischereiindustrie hier einen wichtigen Standort gesichert. Ein Besuch der Insel lohnt sich allemal. Die Wanderung entlang des Vulkankraters, die Papageitaucher, die in den Klippen nisten – und sehr nette und hilfsbereite Insulaner. Eine wirklich eindrucksvolle Insel – selbst für isländische Verhältnisse.

Von den Westmännerinseln aus geht die Reise weiter nach Reykjavík. Starkwind ist angesagt. Beim Auslaufen treffen uns Böen mit 42 Knoten aus Ost. Das ist zwar wirklich viel Wind, aber immerhin stimmt die Richtung. Nachdem wir uns aus der Hafenansteuerung frei gekämpft haben, gehen wir auf Westkurs. Unter dreifach gerefften Groß sowie Fock und Klüver laufen wir vor Wind und Wellen ab. Das geht dann fix. Erst gegen Abend lässst der Wind langsam nach und in der Nacht runden wir die Halbinsel Reykjanes und fahren in die große Bucht ein, an deren Ende Reykjavík liegt. Morgens um 9.30 Uhr laufen wir in den Hafen ein und machen direkt unter der Harpa fest, dem eindrucksvollen Konzerthaus von Reykjavík.   

Position: 63.933038, -22.016602

Premiere zwischen Färöern und Island

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Die Dagmar Aaen ist schon seit den frühen neunziger Jahren als freiwilliges Wetterbeobachtungsschiff unterwegs. Damals wurde die Daten noch manuell erfasst und per Funk weitergeleitet. Heute haben wir eine vollautomatische Wetterstation an Bord, die alle Stunde über Satelliten die aktuellen Daten versendet. Beobachtungen wie Wolken und Seegangshöhen etc. können wir manuell einfügen.

In den vergangenen Jahren haben wir zudem immer wieder Messbojen für den Deutschen Wetterdienst DWD und Météo France ausgesetzt. Diese Bojen arbeiten während ihrer Drift durch die Ozeane ca. 2-3 Jahre lang völlig autark und senden dabei kontinuierlich Wetterdaten an die zuständigen Stellen. Damit fließen die Daten in die täglichen Wetterprognosen z.B. auch in den Seewetterbericht ein. Wettervorhersagen können nur so genau sein, wie die Daten, auf die sie zurückgreifen. Je mehr Messstellen, desto präziser die Vorhersagen.

Allerdings sind diese Driftbojen aus Plastik, was uns immer mit einem schlechten Gefühl zurückgelassen hat, wenn wir sie über Bord ausgesetzt haben. Noch mehr Plastik in den Ozeanen! Wenn auch für einen guten Zweck. Arveds Vorschlag, die Bojen aus Holz zu bauen, stieß zunächst auf Verwunderung – dann auf Begeisterung. Das Ergebnis ist eine europäische Gemeinschaftsleistung: Konzept und Elektronik von E-Surfmar und Météo France, Fertigung der Elektronik durch CLS in Toulouse, Holzkörper von der Bremer Drechslerei, Datenübertragung über das neue europäische Satellitensystem Kineis. Der DWD ist aktiv an der Weiterentwicklung beteiligt. Einen dieser Prototypen haben wir nun an Bord und setzen ihn jetzt zwischen den Färöern und Island aus - es ist das erste Mal, dass eine solche Boje unter realen Bedingungen im Nordatlantik erprobt wird. Wir wünschen ihr eine lange Lebenszeit und viele erfolgreiche Datenübertragungen, damit weitere ihrer Art gebaut werden...

Position: 62.716247, -12.98584

Etappenziel Orkney

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Der Beginn der Ocean Change 2026 war behutsam. Von Kiel aus ging die Reise zunächst durch den Nord-Ost-Kanal, mit Übernachtungen in Rendsburg und Brunsbüttel, bevor wir von dort weiter nach Helgoland gefahren sind. Für die Crew war das optimal - jeder hat sich für die Reise eingerichtet, sich eingelebt. Die Wachen wurden verteilt, die Sicherheitseinweisung durchgeführt und schließlich im Hafen von Helgoland eine intensive medizinische Einweisung durch unsere Ärztin Sarah durchgeführt. Es ist eine schöne Tradition bei einem Besuch der Dagmar Aaen auf Helgoland geworden, dass sich die Crews des vor Ort stationierten Seenottkreuzers Hermann Marwede, der DGzRS und der Dagmar Aaen zu einem gegenseitigen Besuch einlädt. Der Rettungskreuzer ist eindrucksvoll. Die Retter, stets bescheiden, machen einen unglaublichen Job. In der Nacht waren sie draußen, um einen havarierten Segler mit Mastbruch zu bergen, gleich am nächsten Morgen müssen sie zu einem erneuten Einsatz los. Wir alle haben höchsten Respekt vor der Arbeit der DGzRS bei Wind und Wetter. Sie finanziert sich über Spenden - deshalb ist jede Spende äußerst willkommen.

Die erste Seeetappe führt von Helgoland in den Norden Schottlands zu den Orkney Inseln. Das sind rund 500 Seemeilen einmal diagonal über die Nordsee. Das Wetter ist launisch und wechselhaft, hart am Wind stampft das Schiff, Spritzwasser kommt über Deck, einige aus der Crew sind etwas still geworden - Seekrankheit lässt grüßen. Es gibt drei Wachen. Von Mitternacht bis 4 Uhr morgens die sogenannte Hundewache, von 4 bis 8 die Morgenwache und von 8 - 12 Uhr. Dann beginnt alles wieder von vorn. Jede Wache besteht aus dem Wachführer und ein bis zwei weiteren Crewmitgliedern. Der Skipper und Richard, der Smut sind wachfrei, er versorgt die Mannschaft regelmässig mit super Mahlzeiten. Er kocht gerne vegetarisch und vegan - alle sind begeistert.

Am 12. Juni laufen wir bei Dauerregen und böigem Wind in Kirkwall ein. Wir haben uns rechtzeitig im Hafen angemeldet und beim Einlaufen stehen bereits zwei Festmacher an Land, die unsere Leinen annehmen. Die erste Seeetappe liegt hinter uns.

Die Orkney Inseln sind besonders. In Gesprächen mit Insulanern hört man immer wieder, dass sie sich eigentlich mehr Norwegen verbunden fühlen als dem UK. Das hat historische Wurzeln und hängt mit den Wikingern zusammen, die das Leben hier einstmals geprägt haben. Die jungsteinzeitliche Siedlung Skara Brae datiert 5000 Jahre zurück. Die eindrucksvolle Siedlung ist als archäologische Stätte zugänglich. Steinkreise und alte Grabanlagen zeugen von der Frühkultur auf den Inseln. Das moderne Orkney produziert 130 % seines Strombedarfs aus erneuerbaren Energien, der Überschuss wird aufs Festland exportiert. Wir bekommen Besuch von Ian, dem Inhaber von „Orkney Odyssee“. Er führt und organisiert u.a. „Renewable Energy Tours". Er erzählt uns von den Gezeitenkraftwerken, von Versuchsreihen mit Wellenkraftwerken und anderen Projekten. Aus dem Stromüberschuss soll eine große Wasserstoffproduktion betrieben werden und die Bevölkerung steht dahinter - von fossiler Energie und Kernkraft will man hier nichts wissen. Hier werden Maßstäbe gesetzt!

Position: 59.011513, -2.911377

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