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Journey‘ s End

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Unseren Überwinterungshafen Bridgewater erreichen wir einen Tag früher als ursprünglich geplant. Grund ist das Wetter. Nach der Fahrt durch den schmalen, kurzen und spektakulär in die Landschaft gebauten St Peter’s Kanal und einem Abstecher nach Lunenburg, dem Mekka des Kanadischen Holzschiffbaus, ist Beeilung angesagt. Die Wettervorhersage prognostiziert für die Küste von Nova Scotia 40 Knoten Wind und mehr als 3 Meter Welle. Das wollen wir vermeiden. Also geht es zügig in den LaHave River, der gut 10 Seemeilen ins Landesinnere schiffbar ist. An der langen Pier des LaHave Yacht Club machen wir fest. Den finalen Festmacher unserer langen Reise trinken wir im strömenden Regen, aber das stört niemanden. Einmal mehr hat uns die Dagmar Aaen unbeschadet ans Ziel gebracht. Arved ist erleichtert. Schließlich trägt er die gesamte Verantwortung für Crew und Schiff.

Louis ist der Hafenmeister in der Marina von Bridgewater. Der junge Kanadier empfängt uns herzlich und zeigt uns das kleine, gemütliche Clubhaus. Hier gibt es eine warme Dusche und auch eine Waschmaschine steht uns zur Verfügung. Landstrom und Wasserversorgung gehören ebenfalls zum Service. Schnell wird klar, dass Bridgewater der ideale Ort ist für die anstehende Überwinterung der Dagmar Aaen . Hier liegt unsere alte Lady geschützt vor Sturm und Schwell.

Bevor nun die Crew zurück nach Europa reist, gilt es aber noch, das Schiff winterfest zu machen. Die to do Liste ist seitenlang. Die Festmacherleinen werden vorsichtshalber verdoppelt und mit einem Scheuerschutz ausgestattet, damit sie im Auf und Ab der Tide nicht durch die scharfe Kante der Pier beschädigt werden. Alle Vorsegel werden abgeschlagen und bei unserem ehemaligen Crewmitglied Raimer Fuhlendorf eingelagert. Raimer und seine Frau Louise leben seit vielen Jahren nicht weit von Bridgewater auf einem alten Bauernhof, wo wir die Scheune als Materiallager nutzen dürfen. Besonderes Augenmerk legt Arved auch auf unseren Callesen Diesel. Das Kühlwasser wird mit Frostschutzmittel auf mögliche Minustemperaturen vorbereitet. Unsere Meßgeräte werden gereinigt und trockengelegt . Miri ist lange damit beschäftigt, Inventur in Sachen unverderbliche Lebensmittel zu machen. Letzte Reparaturen werden ausgeführt und dann ist da zum Beispiel noch die Stromversorgung. Das Kanadische Netz hat nur 110 Volt. Entsprechend wird mit viel Aufwand ein Umspanner installiert, damit auf dem Schiff auch im Winter das Licht geht und die Pumpen jederzeit laufen können.

Ganz allein wird die Dagmar aber auch in den nächsten Monaten nicht sein. Verschiedene Crewmitglieder werden Ihren Winterurlaub in Nova Scotia verbringen, auf dem Schiff wohnen und nach dem Rechten schauen.

Für uns alle heißt es nun: Journey’s end. Seit dem Auslaufen in Flensburg am 03. Juni haben wir insgesamt 4855 Seemeilen zurückgelegt. 2027 geht die Ocean Change Expedition weiter.

Matze

Position: 44.372002, -64.505957

Iona

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So einen Empfang hatten wir noch nie. Auf der Pier der kleinen Gemeinde Iona am Bras d’Or Lake in Nova Scotia steht zu unserer Begrüßung ein junger „Piper“ im Kilt und spielt auf einem Dudelsack virtuos verschiedene Melodien. Das keltisch – schottische Erbe wird in Iona hochgehalten. Wir sind begeistert. Für die Menschen in der 250-Seelen-Gemeinde scheint unsere Ankunft das maritime Highlight des Jahres zu sein. Überall hängen Plakate, die auf den Besuch der Dagmar Aaen hinweisen. An Bord geben sich die Gäste quasi die Klinke in die Hand. Als erstes kommt Professor Douglas Wallace von der Delhousie Universität in Halifax. Er hat unseren Besuch eingefädelt. Doug, wie sie ihn hier alle nennen, ist Ozeanograph und fördert die Aktivitäten in der Gemeinde, wo er kann. 2011 Wurde der weit verzweigte Bras d’or Lake zum UNESCO Biosphären Reservat erklärt und seitdem gibt es eine Gruppe von engagierten Einwohnern, die die Zukunft des Dorfes selbst in die Hand genommen haben. Mit Unterstützung der Behörden, der Tourismus-Agentur und mit Doug’s Hilfe entstand das „Aros na Mara“, das Haus des Meeres. Ein einfaches Gebäude mit einer kleinen, kindgerechten Meeresausstellung. Die ehrenamtlichen Betreiber haben den Anspruch, mit dem „Aros na Mara“ die Kultur der Region, Bildung und Wissenschaft zusammen zu bringen, das dörfliche Miteinander zu fördern und Iona als Urlaubsort bekannter zu machen.

Wissenschaftlich ist die Seenlandschaft besonders interessant, weil sich dort Süß- und Salzwasser mischen und an einigen besonders tiefen Stellen das Wasser so kalt ist (-1 bis +1 Grad), dass dort urzeitliche Organismen überleben konnten.
Während Arved ein Gespräch nach dem anderen führt (zum Beispiel auch mit Tom, der als Vertreter des Stammes der Mi‘kmaq im Auftrag der UNESCO die Aktivitäten im Biosphären Reservat koordiniert), wird der Crew von unseren Gastgebern jeder Wunsch von den Lippen abgelesen. Sei es der Fahrdienst zum Einkaufen, das Taxi zu den Duschen auf einem nahe gelegenen Campingplatz oder eine Sightseeing Tour, immer ist jemand da, der uns seine Hilfe anbietet. Beim Open Ship auf der Dagmar Aaen bilden sich lange Schlangen.
Mehr als 200 Besucher führen wir in Kleingruppen über das Schiff. Darunter auch viele Deutsche Pensionäre, die sich ein Grundstück in der Gegend gekauft haben und den Sommer in Kanada verbringen.
Einen Nachmittag genießen wir im Iona Heights Inn, dem Pub des Dorfes, wo sich Einheimische mit Geigen, Gitarren , Klavier und Banjo treffen, um gemeinsam Musik zu machen. Auch Mika und Eberhard aus unserer Crew dürfen mitmischen.
Zur Krönung unseres Besuchs lädt Bruce Hatcher, ein Biologe und Tauchexperte, Marie und Lukas zu einem Tauchgang im See sein. Als die beiden zurückkommen, scheint ihnen das Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht zu gehen.

Bei unserem Abschied stehen viele Menschen auf der Pier und hören nicht auf zu winken. Unser nächstes Ziel ist Bridgewater am La Have River südwestlich von Halifax. Dort soll die Dagmar Aaen überwintern.

Matze

Position: 45.66122, -60.87254

Odyssee eines Crewwechsels

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Auf der Dagmar Aaen fahren alle Crewmitglieder unentgeltlich. „Hand gegen Koje“ nennt sich das Prinzip. Für die Arbeit an Bord (Hand) erhält man ein Bett (Koje) und Verpflegung. Alle verbringen ihre Freizeit an Bord. Weil die Wenigsten für eine komplette Reise ihr Arbeitsumfeld verlassen können, wird der Törn so geplant, dass es ab und an Hafenaufenthalte gibt, damit Crewmitglieder neu hinzukommen können und andere entsprechend das Schiff verlassen.

Ein solcher Crewwechsel war für Nain geplant. Da die Baffin Bay nördlich von Labrador durch Eis blockiert war, fiel der Abstecher dorthin aber aus und wir erreichten Nain früher als ursprünglich geplant und mussten weiter nach Süden. Eigentlich wollte Thomas in Nain die Dagmar Aaen verlassen und Eberhard dort an Bord kommen. Denkste. Als neuer Wechselort wurde Cartwright vereinbart. Bis Goose Bay ging für Eberhard alles glatt, aber dort angekommen stellte sich heraus, dass sein Gepäck nicht auf dem Flieger war. Damit begann für Eberhard eine dreitägige Leidenszeit aus Recherche, ungezählten Telefonaten und ständiger Abstimmung mit Arved.

Für Thomas Abreisetag aus Cartwright hat uns Mel, die unfassbar freundliche Betreiberin eines kleinen Motels mit angeschlossenem Pub ihr Auto geliehen, damit wir Thomas zur Landepiste bringen können. Dort angekommen, treffen wir einen Flugplatzmitarbeiter, der gerade dabei ist, mit einem Radlader Schlaglöcher auf der Landepiste zu beseitigen. Er hat keine Informationen über aktuelle Flugbewegungen, kennt aber die Flugdisponentin in Goose Bay und erreicht die Dame per Telefon – beim Baby wickeln… was folgt, ist Hilfsbereitschaft pur. Die Disponentin meint, der Flug sei wegen eines aufziehenden Gewitters ungewiss, notiert sich aber Thomas Telefonnummer und verspricht, ihn auf dem Laufenden zu halten. Und tatsächlich, irgendwann meldet sich die Disponentin mit der erfreulichen Nachricht, dass der Flieger nun im Anflug auf Cartwright sei, um Thomas – den einzigen Fluggast – abzuholen. Große Erleichterung.

Als wir mit der Dagmar Aaen schon wieder auf See sind Richtung Süden, erreicht uns das Foto des Tages: Thomas neben Eberhard. Die beiden haben sich in Goose Bay getroffen. Auch das Gepäck von Eberhard ist in der letzten Nacht dort endlich eingetroffen. Umgehend konnte Eberhard Weiterflug und Unterkunft buchen. Maurice, sein Vermieter, engagierte dessen Nachbarn Mike, der völlig selbstlos Eberhard per Auto nach Red Bay – unserem neuen Treffpunkt - fuhr. Ohne die Hilfe der Menschen vor Ort wäre Eberhard noch heute unterwegs- ohne Bus und Bahn ist man an der Küste von Labrador einfach aufgeschmissen. Für uns kann es nun endlich weitergehen. Nächstes Ziel ist die Nordwestküste von Neufundland.

Matze

Position: 53.339128, -60.392017

Nain – ein Dorf als Metropole

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Gut 1.200 Menschen leben in Nunajnguk - so heißt Nain in der Sprache der Inuit.Gegründet 1771 als Missionsstation, bietet die nördlichste Siedlung Labradors alles, was das moderne Leben ausmacht:  Einen Flugplatz, zwei Supermärkte, ein Krankenhaus und das neue Verwaltungszentrum.

Als wir die Leinen festmachen, dauert es nur wenige Minuten, bis wir offenbar talk oft the town sind. Kinder besuchen uns an Bord und ein Pickup nach dem anderen rollt auf die Pier. Die Einheimischen bestaunen die Dagmar Aaen und wollen genau wissen, wo wir herkommen. Ein Fischer schenkt uns zur Begrüßung gleich zwei richtig große Saiblinge. Die Freundlichkeit der Menschen ist überwältigend.

Wir bekommen eine kleine Führung durch die Kirche von Nain. Der Küster nimmt sich Zeit für uns – und erzählt zwischendurch, dass er deutsche Wurzeln hat. Eine kleine Verbindung über den Atlantik, die an diesem Ort erstaunlich gut zur Geschichte passt.
Denn die Geschichte der Herrnhuter ist in Nain bis heute präsent. Mehr als 250 Jahre nach der Gründung der Mission spielt die Kirche noch immer eine wichtige Rolle im Leben des Ortes. Die Gottesdienste werden in Inuktitut, der Sprache der Inuit gehalten. Vergangenheit und Gegenwart liegen hier dicht beieinander.

Wir wollen die Gegend um Nain erkunden. Doch wer Nain verlässt und zu Fuß in die Umgebung aufbricht, sollte das nicht ohne ortskundige Begleitung tun. Der Grund dafür begegnet uns zunächst nur in Form von Spuren.
An einigen Bäumen entdecken wir deutliche Kratzspuren von Bären. Man schaut danach etwas aufmerksamer zwischen die Büsche. Aber zu sehen bekommen wir keinen Bären.
Noch nicht.
Am Abend ist einer plötzlich im Ort. Ranger erschießen das Tier schließlich. Die Warnungen, die uns zuvor vielleicht noch etwas abstrakt erschienen, bekommen plötzlich eine sehr konkrete Bedeutung.

Später wird es ruhig im Hafen. Wegen des Tidenhubs müssen wir nachts öfters hinaus und die Leinen kontrollieren. Eigentlich ein ganz normaler Handgriff im Bordalltag.
Doch ein Blick nach oben lässt uns innehalten.
Über uns erstrecken sich Polarlichter über den dunklen Himmel. Blassgrüne Schleier entstehen aus dem Nichts und verändern langsam ihre Form. Und das Besondere: Sie spiegeln sich dabei in der ruhigen See.
Die Leinen sind längst wieder klar. Trotzdem bleiben wir an Deck, die Köpfe im Nacken, und schauen weiter nach oben. Aus ein paar Minuten werden mehr. Irgendwann spielt die Zeit keine Rolle mehr.

Manche Dinge verlieren offenbar auch dann nichts von ihrer Faszination, wenn man sie nicht zum ersten Mal sieht.

Matze & Thomas

Position: 56.543718, -61.687803

Gastfreundschaft und Bordalltag

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Ein wichtiger Teil der Ocean Change Expeditionen ist der Austausch mit den Menschen vor Ort. Fünfmal haben wir bisher an der Küste von Labrador Inuit in ihrer Heimat besucht. Dabei spielt Fisch immer eine besondere Rolle. Egal, ob an der subpolaren Nordspitze Labradors oder an der Südecke (übrigens auf der gleichen geografischen Höhe wie Hamburg): Den Anfang macht der Fisch. Sobald wir fest sind, kommen Menschen auf die Pier, bestaunen das Schiff und begrüßen uns.
Und danach immer die gleiche Frage: Wollt Ihr Fisch haben? Natürlich wollen wir!
Mal ist es ein Fischer, der gerade Kabeljau filetiert. Nehmt Euch, soviel Ihr wollt, heißt es dann. Wenn wir vorsichtig bemerken, dass wir neun Leute sind, kommt als Entgegnung: Dann nehmt lieber 10 Filets. Mal kommt jemand mit geräucherten, eingeschweißten Arctic Char Seiten zu uns, mal ist es ein junger Fischer, der uns mit Lachsseiten versorgt. Fisch gewordene Gastfreundschaft. Wir genießen die leckeren Mahlzeiten, die Miriam aus den Geschenken zaubert.

Neben dem Genuß stehen während der Liegezeiten Arbeiten an der Dagmar Aaen im Vordergrund.
Ein Schiff braucht Schutz - vor allem Schiffe aus Holz. Noch viel wichtiger wird das, wenn ein Holzschiff in arktischen Gewässern unterwegs ist. Die Bauteile sind hier einer wesentlich stärkeren Belastung ausgesetzt. Ein Seemann streicht übrigens nicht sein Schiff - er malt es.

Aber auch viele andere Bauteile bekommen Pflege und Zuwendung. Allen voran das Radar. Vor der Küste von Labrador stellte es seinen Dienst ein - die Beleuchtung des Displays hat aufgegeben. Das Expeditionsbüro in Bad Bramstedt wurde via Satellitentelefon beauftragt, eine Ersatzlampe zu beschaffen und nach Labrador zu schicken. Eigentlich ein simples Bauteil. Leider wird aber weder das Display noch das Radargerät noch gebaut, Ersatzteile gibt es nicht mehr und Alternativen aus China wären erst nach vielen Wochen lieferbar.
Bei Nacht und durchs Eis zu navigieren ohne Radar ist gefährlich. Also wird improvisiert. Marie und Lukas haben das Radar-Gerät vorsichtig geöffnet und erkundet. In die Öffnung, in der vorher die defekte Lampe steckte, könnte man eine Alternative hineinstecken. Aber was? In der Kombüse werden sie schließlich fündig. An der Decke sind LED-Leuchtstreifen angebracht, die passen könnten. Gesagt - getan. Wir haben noch einen Ersatz- LED-Streifen an Bord. Der lässt sich zuschneiden und passt genau in die Öffnung. Die Spannungsversorgung wird ebenso improvisiert und alles zusammengeschraubt. Dann der große Momennt. Was passiert beim Einschalten des Radargerätes? Es läuft!! Die Freude an Bord ist riesig, das Radar ist wieder nutzbar.

Improvisation gehört an Bord eines Expeditionsschiffes zum festen Repertoire.

In der Kombüse hat Miri unterdessen den Ofen abgeschaltet. Unser Dikson-Dieselofen ist ein absolut zuverlässiger und genügsamer Kamerad, der 24 Stunden, Tag und Nacht in Betrieb ist. Er ist nicht nur Herd und Backofen, sondern heizt auch das Mittelschiff.
Nach dem Abkühlen wird die Gusseiserne Herdplatte, die fast einen Quadratmeter misst, sorgfältig gereinigt und geölt. Aschereste werden aus dem Abzug entfernt und jetzt kann wieder gekocht und geheizt werden.

Matze - unser Schiffszimmerer - hat unterdessen eine Halterung für ein Fisch-Schneidebrett zugeschnitten, geschliffen, angebaut und gemalt. So kann beim filetieren der Fische (und davon gibt es während dieser Reise wahrlich genug) der Geruch an Deck bleiben.

Im Rigg haben Mika und Marie eine Belederung getauscht, damit der Fockfall-Block nicht an der Eistonne schamfilt. Oder in nicht-Seemanns-deutsch: Einen Lederstreifen als Scheuerschutz. Zu tun ist immer was…

Thomas & Matze

Position: 55.607497, -60.320435