Zum Hauptinhalt springen

Antennenwald – zurück in der Zivilisation

  • Bilder-Galerie:
    • Bilder:
    • Bilder:
  • Video-Galerie:

In der Ansteuerung auf unseren Ankerplatz vor dem Korokuluk Brook wird es uns klar – wir sind auf Entzug. Wir sehnen uns nach satter Vegetation, nach Sonne und Menschen. Wochenlang sind wir durch Nebel gefahren und wenn das uns umhüllende Grau mal einen Rundumblick erlaubte, sahen wir karge Gesteinsformationen.

Wenn wir irgendwann mal auf dem AIS (Automatic Identification System) ein weit entferntes Schiff entdeckten, war es sofort Thema. Wir stellen uns vor, wie schön es sein muss, in einer Bucht mit bewaldeten Ufern zu ankern. Wie wohltuend ein wenig grüne Vegetation wirken  könnte.
Wie groß unsere Sehnsucht ist, zeigt sich nun in der Ansteuerung. Durch die Ferngläser entdecken wir im Nebel eine kleine Insel. Nichts Besonderes. Aber dann erkennen wir diverse, gedrungene Antennen. Eine ehemalige Funkstation? Mitnichten. Als wir näher kommen, lacht die gesamte Crew. Es sind Bäume, ganz normale Bäume, die wir in unserem Entzugswahn einfach als Antennen eingeordnet haben. Endlich. Auf 57 Grad Nord haben wir offenbar die Baumgrenze erreicht….

Und es geht weiter nach Süden. Im Regen. Seit Stunden, gefühlt seit Tagen und Wochen fällt er auf Deck, läuft über das Ölzeug und nimmt der Küste die Konturen. Trotzdem hat sich die Stimmung an Bord verändert. Alle sind aktiver als sonst, und selbst bei Regen sind ständig Leute an Deck, die eigentlich gar keine Wache haben.
Wir sind auf dem Weg nach Nain. Vor genau zwei Wochen sind wir in Nuuk gestartet. Seitdem waren wir nur wenige Male und immer nur kurz an Land.
Rund 1.200 Menschen leben in Nain – nach Base Camp und Hebron ist das für uns beinahe eine Großstadt.

18 Seemeilen vor Nain taucht dann die erste Fahrwassertonne auf – das erste seit Reykjavík. Ein ungewohnter Anblick nach all den Tagen auf See.
Bei den Fahrwasserzeichen in Kanada gibt es allerdings eine Besonderheit zu beachten. Anders als in Europa erfolgt die Betonnung hier nach IALA B. Bei den lateralen Tonnen bedeutet das beim Einlaufen: Rot kennzeichnet einlaufend die Steuerbordseite, Grün die Backbordseite.
Der nordamerikanische Merkspruch bringt es einfacher auf den Punkt: „Red Right Returning“ – Rot rechts beim Reinfahren.

Dann erreichen wir Nain. Zum ersten Mal seit unserem Ablegen in Nuuk werfen wir wieder die Festmacherleinen über die Poller.

Die Leinen sind fest.
Und fast im selben Moment passiert etwas, auf das wir den ganzen Tag gewartet haben: Es hört auf zu regnen.

Matze & Thomas

Position: 57.157059, -61.687546

Die Berge, wo die Geister wohnen

  • Bilder-Galerie:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
  • Video-Galerie:

Der Anker fällt in St John’s Harbour, einem Seitenarm des Saglek Fjord. Wir haben unser nächstes Etappenziel erreicht. Die Dagmar Aaen liegt vor dem Basecamp des Torngat Mountains National Park. An Land sehen wir mehr als 30 Kugelzelte, zwei Holzgebäude, große Tanks, einen Hubschrauber und mehrere Container.
Das Torngat Mountains Base Camp ist das Herz des Nationalparks. Das saisonale Zeltlager gibt es an dieser Stelle seit 2007. Es ist nur von Juli bis September bewohnt und dient in dieser kurzen Zeit als Ausgangspunkt für Wanderungen, wissenschaftliche Projekte und kulturellen Austausch. Es ist nur per Schiff oder mit dem Flugzeug ereichbar. Etwa 80 Forschende, Ranger, Inuit und Besucher leben hier für einige Wochen Tür an Tür, oder besser: Zelt an Zelt.
Das Camp ist eingerahmt von einem Elektrozaun. Denn regelmäßig erforschen Schwarz- und Eisbären die Grenzen des Lagers. Davon können auch wir später berichten.

Andrew Andersen, mit dem wir im Vorfeld unserer Reise bereits viel Kontakt hatten, kommt per Boot zu uns. Die Begrüßung ist herzlich. Die obligatorische Sicherheitseinweisung für alle Besucher macht er direkt bei uns an Bord.
Andrew ist einer der Koordinatoren von Parks Canada (Parkverwaltung). Er lädt uns auf einen Kaffee in die Camp-Kantine ein. Oberste Regel beim Betreten des Holzhauses: Schuhe aus! Drei verschiedene Besuchergruppen sind gerade im Camp: Ein Sprachseminar für Inuit aus der Region Nunatsiavut, eine Wissenschaftlergruppe und der siebenköpfige Vorstand der Parkverwaltung.
Für uns hält das Camp noch einen ganz anderen Luxus bereit: eine Dusche. Seit unserem Ablegen in Nuuk hatten wir keine Gelegenheit mehr dazu. Nach Tagen an Bord fühlt sich warmes Wasser plötzlich wie eine ziemlich große Errungenschaft der Zivilisation an.

Inuit Games

Am Nachmittag sind wir in das Gemeinschaftszelt eingeladen. Drinnen ist es angenehm warm, Getränke stehen bereit und wir werden herzlich begrüßt. Das Zelt ist neben der Kantine der soziale Mittelpunkt des Camps. Hier finden Sprachkurse statt, es wird gemeinsam gegessen, erzählt und Wissen weitergegeben. Heute stehen die Inuit Games auf dem Programm.

Ein drahtiger Mann, deutlich über sechzig, tritt vor die Gruppe. Er braucht keine große Einleitung. Früher, erzählt er, gab es kein Radio, kein Fernsehen und kein Spielzeug. Die Tage waren lang, das Leben entbehrungsreich. Also forderte man sich gegenseitig heraus. Kraft, Ausdauer, Geschicklichkeit und Durchhaltevermögen wurden spielerisch gemessen, oft mit einem Augenzwinkern, manchmal auch unter Schmerzen.

Bei den Vorführungen wird schnell klar, dass diese Spiele weit mehr verlangen als Muskelkraft. Entscheidend sind Zähigkeit und die Fähigkeit, auch dann noch durchzuhalten, wenn es längst unangenehm wird. Liegestütze werden so ausgeführt, dass man abwechselnd auf Handflächen und Handrücken landet.
Bei einer Übung namens „Airplane“ hilft Alex als einer von drei Assistenten mit. Der Teilnehmer wird an den Ellenbogen und den Füßen angehoben und muss seinen Körper möglichst lange waagerecht und unter Spannung halten. Der erste schafft zehn Sekunden, der zweite fünfzehn. Dann tritt eine Frau nach vorne. Die Zeit vergeht, ohne dass ihre Körperspannung nachlässt. Schließlich geben nicht ihr, sondern den Helfern die Kräfte nach. Als sie abgesetzt wird, sind mehr als 90 Sekunden vergangen.
Viele dieser traditionellen Wettkämpfe leben heute in den Arctic Sports weiter. Was einst Zeitvertreib und körperliches Training für den Alltag in der Arktis war, ist heute ein wichtiger Teil der Kultur der Inuit und anderer indigener Völker des Nordens geblieben. Wer die Spiele erlebt, merkt schnell, dass hier nicht nur Traditionen gepflegt werden. Sie gehören bis heute selbstverständlich zum kulturellen Leben der Inuit.

North Arm

Andrew hat angeboten, uns auf eine Tour durch den Nationalpark mitzunehmen, sofern das Wetter mitspielt. Gestern noch war es windig, grau und kalt. Erst gegen 22 Uhr erreicht uns die erfreuliche Nachricht: Die Tour findet statt. Also klingelt der Wecker bereits um 6 Uhr, damit wir rechtzeitig den North Arm erreichen.

Der Nebel ist verschwunden. Zum ersten Mal seit Tagen sehen wir wieder blauen Himmel. Selbst das Grün der Hänge wirkt nach all dem Grau fast ungewohnt. Die Luft ist trockener geworden, und immer wieder streicht ein überraschend warmer Hauch über das Wasser. Er trägt den Geruch des Landes bis zu uns hinaus. Das Thermometer zeigt gerade einmal 13 Grad. Im Torngat-Gebirge ist das Sommer. Nach Tagen in Grau scheint allein die Farbe Blau allen ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern.

Der North Arm ist ein rund drei Seemeilen langer Fjord, eingerahmt von bis zu 1.000 Meter hohen Bergen und einem breiten Kiesstrand an seinem Ende. Die Gesteinsformationen gelten als die ältesten der Welt (3,8 Mrd.Jahre). Als wir den Anker fallen lassen und mit dem Schlauchboot übersetzen, warten dort bereits rund 40 Teilnehmer des Base Camps, überwiegend Inuit.
Über einem Feuer wird Wasser erhitzt und Brot gebacken. Vor allem aber wird geangelt. Jung und Alt stehen am Ufer, und beinahe im Minutentakt wird ein Fisch aus dem Wasser gezogen. Die Fische werden direkt filetiert, zum Trocknen vorbereitet oder gleich gegessen.

Andrew versammelt eine Gruppe von 30 Teilnehmern, mehr dürfen den Nationalpark gleichzeitig nicht betreten.
Unser erster Halt führt zu einer archäologischen Fundstelle. Die aufgeschichteten Steinhaufen sind Reste traditionellen Vorratslager („Caches“) der Inuit. Hier wurden Karibufleisch und Fisch gelagert. Das Prinzip war ebenso einfach wie durchdacht: Die Steinhaufen schützten die Nahrung vor hungrigen Kleinsäugern wie Wieseln und anderen Aasfressern und hielten sie gleichzeitig kühl. In einer Landschaft, in der Nahrung nicht jederzeit verfügbar war, konnten solche Vorratslager über den Winter entscheiden.

Wenig später erreichen wir einen Wasserfall, dessen Bach sich tief in den Fels eingeschnitten hat. Weiter flussabwärts legen wir eine Pause ein. Wer möchte, kann in dem glasklaren Wasser baden. Die Gelegenheit lassen wir uns nicht entgehen. Der erste Moment ist eisig, danach fühlt sich das Wasser erstaunlich belebend an.

Zurück am Strand drückt uns ein etwa zehnjähriges Mädchen voller Stolz ihren größten Fang des Tages in die Hand: Einen über 5 Kilogramm schweren Arctic Char (Saibling). Als Dank laden wir sie und ihre Geschwister auf die Dagmar Aaen ein. Ihr Lächeln spricht für sich.
An Eiweißmangel werden wir in den nächsten Tagen jedenfalls nicht leiden.

Ungebetene Gäste

Am Abend wird es hektisch an Bord. Am Ufer ist ein Schwarzbär aufgetaucht. Erst einer, dann sind es drei der pechschwarzen Tiere. Schwarzbären sind kleiner als Eisbären, aber nicht weniger beeindruckend. Auf der Dagmarr Aaen werden die Fotoapparate gezückt. Wie Papparazzi stehen die Crewmitglieder an der Reling und fotografieren, als gäbe es kein Morgen. Auch den Bärenwächtern (bear guards) des Camps sind die neugierigen Tiere natürlich aufgefallen. Als sich die Bären dem elektrischen Schutzzaun etwas nähern, werden die Guards aktiv. Mit Blitz-Knall-Munition wird in Richtung der Schwarzbären geschossen. Deutlich setzen sich die Leuchtspur-Flugkurven gegen den dunkel werdenden Himmel ab. Dann gibt es jeweils einen lauten Knall, der noch lange in den Bergen nachhallt. Die Bären selbst scheint das aber nicht besonders zu beunruhigen. Erst als die erfahrenen Guards gezielter schießen und die Geschosse direkt vor den Bären im Sand auftreffen, ziehen sie sich langsam zurück. Noch spät in der Nacht sehen wir die Lichtkegel der Suchscheinwerfer. Sicherheit geht halt vor.

Der Name Torngait stammt aus dem Inuktitut und bedeutet „Berge wo die Geister wohnen“. Für die Inuit sind die Berge weit mehr als eine spektakuläre Landschaft. Sie sind Teil ihrer Geschichte und Identität. Wer den Nationalpark besucht, betritt deshalb nicht nur eine der abgelegensten Regionen Nordamerikas, sondern auch einen Ort von großer kultureller Bedeutung. 

 

Matze & Thomas

Position: 58.479182, -63.040924

Vom Eis zerklüftet, von Gletschern geformt

  • Bilder-Galerie:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:

Seit Tagen sind Nebel, Nieselregen und tief hängende Wolken unsere ständigen Begleiter. Oft gibt die Küste ihre Konturen nur für wenige Augenblicke preis, bevor sie wieder im Grau verschwimmt. Erst langsam erschließt sich uns die Landschaft, durch die wir fahren: schroffe Felswände, tief eingeschnittene Fjorde und eine Küste, die den Eindruck vermittelt, als wäre sie erst gestern vom Eis freigegeben worden.

Eine Landschaft, vom Eis geformt

Labrador bildet den nordöstlichen Teil des nordamerikanischen Festlands. Die Halbinsel erstreckt sich über rund eintausend Kilometer vom 60. bis zum 51. Breitengrad bzw. von der Nordspitze bei Killinq Island bis zum Gebiet der Strait of Belle Isle hinunter.

Kaum eine Region Nordamerikas trägt die Handschrift der Eiszeiten so deutlich wie diese. Mächtige Gletscher haben über Jahrtausende tiefe Fjorde ausgeschürft, Flusstäler geformt und zahllose Seen hinterlassen. Die Landschaft wirkt rau und ursprünglich, fast unberührt.

Labrador umfasst vier Vegetationszonen. Im Süden wachsen ausgedehnte Mischwälder, die weiter nördlich in borealen Nadelwald übergehen. Daran schließt sich eine Übergangszone mit niedrigen, vom Wind gezeichneten Bäumen an, bevor schließlich die baumlose Tundra beginnt.

Genau dort befinden wir uns seit einigen Tagen. Im Norden Labradors bestimmen Felsen, Moose, Flechten und niedrige Gräser das Bild. Selbst mitten im kurzen arktischen Sommer bleibt die Vegetation erstaunlich spärlich. Nur vereinzelt setzen Flechten und Moose grüne Farbtupfer in die graubraune Landschaft.

Vor uns erhebt sich das Torngat-Gebirge. Sein Name leitet sich vom Inuktitut-Wort Torngait ab und bedeutet sinngemäß „Ort der Geister“. Die höchsten Gipfel erreichen über 1.600 Meter und gehören zu den höchsten Erhebungen östlich der Rocky Mountains.

Wenig Grün, erstaunlich viel Leben

Auf den ersten Blick scheint diese Landschaft fast leblos. Tatsächlich bietet sie zahlreichen arktischen und borealen Tierarten einen Lebensraum. Eisbären, Karibus, Polarfüchse, Wölfe und Schwarzbären kommen im Torngat Mountains National Park ebenso vor wie eine Vielzahl von Seevögeln.
Bislang haben wir an Land noch keines dieser größeren Tiere zu Gesicht bekommen. Dafür begleiten uns immer wieder Vögel über dem Wasser. Auch wenn ihre Zahl nicht groß ist, sorgt ihre Vielfalt für Bewegung in einer Landschaft, die ansonsten von Fels, Wasser und Nebel geprägt wird.

Seit vorgestern befahren wir das Seegebiet östlich des Torngat Mountains National Park. Den Nationalpark selbst betreten wir nicht. Unser Kurs führt entlang seiner wilden Küste, während Nebel und Regen die Sicht oft auf wenige hundert Meter begrenzen.

Das Meer sorgt für das Abendessen

Nachdem der Anker in Eclipse Bay fiel, sorgt Matze für den kulinarischen Höhepunkt des Tages. Eigentlich wollte er seine Angel nur „mal kurz“ ins Wasser halten. Wenige Sekunden später lacht er, und ein kapitaler Grönlanddorsch hängt am Haken. Was zunächst wie ein Glückstreffer aussieht, entwickelt sich rasch zu einem kleinen Angelrausch. Weitere Fische folgen, und innerhalb kurzer Zeit ist klar: Das Abendessen ist gesichert.
Miri zaubert daraus am Abend ein hervorragendes Essen. Frischer kann Fisch nicht auf den Tisch kommen.

Auch vor Anker bleibt die Dagmar Aaen niemals unbeaufsichtigt. Jeweils ein Mitglied der Mannschaft übernimmt die Ankerwache und achtet darauf, dass der Anker nicht slippt und alle Systeme arbeiten. Daneben bleibt Zeit zum Lesen, Seekarten studieren oder einfach dazu, der Natur zu lauschen. Das bedeutet: nahezu vollkommene Stille. Nur das Rauschen eines Gebirgsbachs oder eines Wasserfalls ist zu hören.

Auf einem der ältesten Fundamente der Erde

Nur wenige Regionen der Erde geben ihre geologische Geschichte so eindrucksvoll preis wie Labrador. Große Teile des Landes bestehen aus Gesteinen, deren Alter auf bis zu 3,8 Milliarden Jahre geschätzt wird. Sie gehören zum Kanadischen Schild, einem der ältesten erhaltenen Bestandteile der Erdkruste.

Als die Erde langsam abkühlte, bildete sich über dem noch heißen Erdmantel eine feste Kruste. Gewaltige Kräfte im Erdinneren ließen Gebirge entstehen, die im Laufe unvorstellbar langer Zeit wieder erodierten, absanken und zeitweise vom Meer überflutet wurden. Diese Bewegungen wiederholten sich im Laufe der Erdgeschichte vier mal. Heute wirkt sich die Erosion im Gebiet von Labrador stärker aus als die Heraushebung. Deshalb sehen große Teile des Gebietes geologisch so aus, wie vor Jahrmilliarden.
Vor rund 200 Millionen Jahren begann schließlich der Nordatlantik sich zu öffnen. Die Erdkruste wurde auseinandergezogen, und aus einer zusammenhängenden Landmasse entstanden Labrador und Grönland. Betrachtet man ihre Küstenlinien auf einer Karte, lässt sich die frühere Verbindung noch immer erahnen.

Ein Land mit erstaunlich wenig Menschen

Labrador umfasst eine Fläche von fast 295.000 Quadratkilometern, wird jedoch von nur rund 27.000 Menschen bewohnt. Das entspricht einer Bevölkerungsdichte von lediglich etwa 0,09 Einwohnern pro Quadratkilometer. Zum Vergleich: In Deutschland leben im Durchschnitt rund 236 Menschen auf derselben Fläche.

Die Weite dieser Landschaft lässt sich kaum in Zahlen fassen. Wer hier unterwegs ist, begegnet vor allem: Felsen, Wasser und Himmel.

Kurs Süden

Wir setzen unsere Reise Richtung Süden fort. Rund 60 Seemeilen liegen vor uns. Unser Ziel ist das Base Camp am südlichen Rand des Torngat Mountains National Park. Dort werden wir eine offizielle Genehmigung zum Betreten des Nationalparks beantragen und freuen uns schon auf die nächste Episode unserer Reise: Wenn wir wir erstmals mit den Menschen zusammentreffen, die in dieser abgelegenen Region zu Hause sind. Davon berichten wir im nächsten Beitrag.

Thomas

Position: 58.883225, -62.904968

Auf den Spuren der Geschichte

  • Bilder-Galerie:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:

Die Ostküste Kanadas ist überwältigend. Wir bewundern die unberührten Berghänge, die an uns vorbei ziehen. Etwas Gänsehaut ist dabei. So unberührt erscheint die Natur, dass Fragen auftauchen, ob der eine oder andere Berg überhaupt schon mal bestiegen wurde und wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, auf Eisbären zu treffen.

Wir befinden uns jetzt auf einem anderen Kontinent, ein Kontinent der lange außerhalb der europäischen Wahrnehmung existierte und seine eigenen Gesellschaftsstrukturen entwickelt hat. Die First Nation und die Inuit haben bereits viele Jahrtausende hier gelebt und gejagt, bevor es zu den ersten Kontakten mit Europäern kam.

Ca. im Jahr 1000 kamen die Wikinger als erste Europäer nach Neufundland und bauten eine Siedlung mit einem Langhaus auf. Diese Siedlung wurde im Verlauf der Zeit wieder aufgegeben.
1473 führte eine Expedition im Auftrag des dänischen Königs und mit Unterstützung des portugiesischen Königshauses eine Forschungsreise an die Küste Labradors durch. Der Expeditionsleiter Didrik Pining aus Hildesheim und Kapitän Hans Pothorst aus Hamburg segelten über Grönland von Norden kommend die Labradorküste entlang.
1540 kamen die ersten baskischen Walfänger und bauten eine Walfangstation in Red Bay im südlichen Labrador auf.Die Walfänger wurden immer zahlreicher. In den folgenden Jahren kamen in einer Saison bis zu 50 Walfangschiffe mit bis zu 2500 Seeleuten an die Küste.
In den folgenden Jahrzehnten gab es immer wieder Konflikte zwischen den Walfängen, den Händlern, den Kolonialmächten und den Inuit.
1752 kamen die ersten Missionare aus Deutschland der Herrnhuter Brüdergemeinde und begannen in Hoffnungstal/Hopedale zu siedeln. Dieser erste Siedlungsversuch scheiterte an Konflikten mit den Inuit. Die Missionare zogen sich wieder nach Europa zurück.
1771 gelang durch Vermittlung von Mikak, einer unter den Inuit sehr respektierten Frau, die Neuansiedlung einer Missionsstation. Mit Unterstützung der Englischen Krone und dem Herrnhuter Jens Haven gelang es Mikak, eine Missionsstation in Nain zu errichten. Die Missionare lernten die Sprache der Inuit, unterrichteten diese und vermittelten verschiedene Handwerkstechniken. Zusätzlich trieben sie Handel. Hierdurch konnte die Missionsstation auch ihren eigenen Lebensunterhalt sowie die aus Europa kommenden Waren finanzieren. Dieser Handel war in den folgenden Jahren Auslöser für viele Konflikte mit den Inuit und den Handelsgesellschaften.
1782 entstand eine weitere Missionsstation genau dort, wo die ersten Siedlungsversuche 1752 in Hoffnungstal/Hopedal mißglückten. In den folgenden Jahren wurden Missionsstationen in Okak, Hebron und Zoar aufgebaut.
1880 wurde Adrian Jacobson vom Hamburger Zoogründer Carl Hagenbeck beauftragt, eine „Eskimofamilie“ für eine „Menschenschau“ im Tierpark zu gewinnen. Mit vielen Versprechungen wurde die Familie Ulrikab von der Missionsstation Hebron sowie eine weitere Familie aus der nördlichen Umgebung überredet, mit nach Europa zu kommen. Dort lebten Sie im Tierpark Hagenbeck auf engstem Raum unter häufiger Bedrängnis durch Besucher. Die „Ausstellung“ war ein großer Erfolg, so dass diese Menschenschau nach Berlin, Prag, Frankfurt, Darmstadt und Paris weiter zog. Der Wunsch der Familien, zügig zurück in die Heimat zu kommen, wurde nicht erfüllt. Beide Familien starben zur Jahreswende 1880/81 an den Pocken. Die eigentlich empfohlene und vorgesehene Pockenimpfung wurde ihnen vorenthalten.

Für uns geht es weiter nach Süden - auf den Spuren deutscher Einwanderer und Missionare.Wir hoffen, dass wir dabei die Gelegenheit zu Begenungen und guten Gesprächen haben werden.

Alex

Position: 60.178256, -64.342804

Sehnsuchtsort Labrador

  • Bilder-Galerie:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:
    • Bilder:

Wir sind angekommen!

Langsam tauchen die Konturen der kanadischen Küste aus dem ölig grauen Gemisch aus See und Wolken auf. Marie sieht unser Ziel als Erste und verdient sich damit einen Schnaps. Die Crew ist aus dem Häuschen. Nach gut 400 Seemeilen liegt die Nordspitze von Labrador vor uns. Vorsichtig konzentriert fahren wir langsam in einen Fjord, dessen Flanken von schroffen, kargen Felsformationen geprägt sind. Hier ist es so menschenleer, dass diverse Bereiche in den kanadischen Seekarten noch als nicht vermessen ausgewiesen sind. Im O’Brien Harbour fällt der Anker.
Fast zeitgleich werden wir auf UKW Kanal 16 aus einem Flugzeug der kanadischen Küstenwache angesprochen. Freundlich werden unsere Daten abgefragt, dann wünscht man uns „happy sailing“.
Das Ankerbier schmeckt köstlich. Zur Feier des Tages serviert Miriam wunderbare Semmelknödel mit Pilzragout. Nach einer ruhigen Nacht erweist sich das kanadische Küstenhandbuch als exakt richtig. Dort sind für unseren Ankerplatz teils heftige Fallwinde beschrieben. Plötzlich schießen Wolkenfetzen über uns hinweg und der Wind dreht in Böen hoch auf bis zu 40 Knoten.

Es wird ungemütlich. Deshalb entschließen wir uns, an einen anderen Ankerplatz zu verholen, der von flacheren Bergen umgeben ist und deshalb keine Fallböen haben soll. Nach 8 Seemeilen südwärts durch aufgepeitschtes Wasser fällt der Anker im Bowdoin Harbour. Hier bläst es zwar auch noch mit 20 Knoten, aber die Dagmar Aaen liegt sehr viel ruhiger.

Für uns ist es Zeit, wieder mal die Uhren umzustellen. Keine einfache Aufgabe. Die kanadischen Provinzen (wir befinden uns im Grenzgebiet zwischen Quebec und Labrador) haben unterschiedliche Zeitzonen (teilweise mit nur 30 Minuten Unterschied), dazu Sommerzeit und UTC. Die Schiffsuhr wird drei Stunden zurückgestellt. Damit liegen wir jetzt 6 Stunden hinter der Deutschen Zeit.

Unser nächstes Ziel ist der Torngat Mountains National Park.

Matze

Position: 60.379317, -64.538155