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Grau.

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Es dauerte nur wenige Stunden, bis die Arktis ihre Farben wieder einsammelte. Erst verschwand der Horizont, dann die Konturen des Meeres, schließlich fast jeder Kontrast. Übrig blieben unzählige Grautöne, nasse Luft und ein Meer, das wirkte, als wäre es aus flüssigem Blei gegossen. Seit Dienstagabend begleitet uns der Nebel. Mal dichter, mal lockerer, aber nie weit entfernt.

Dabei hatte der Abend noch vielversprechend begonnen. Gegen 19 Uhr weht der Wind mit 4 bft aus Südost, und wir setzen Fock, Klüver und das Groß im zweiten Reff. Wenig später verstummt die Maschine. Zum ersten Mal seit dem Auslaufen schiebt uns nur noch der Wind vorwärts. Mit rund sechs Knoten gleitet die Dagmar Aaen durch die Davisstraße, der Meerenge zwischen der Baffin Bay und Grönland. Das gleichmäßige Rauschen des Wassers am Rumpf und das Knarren des Riggs übernehmen die Geräuschkulisse.

Dann zieht gegen 22 Uhr der Nebel auf.

Zunächst wirkt er harmlos. Einzelne Schwaden ziehen über das Wasser, lösen sich wieder auf und geben den Blick frei. Doch nach und nach verschwindet der Horizont vollständig. Himmel und Meer gehen ineinander über, Entfernungen lassen sich kaum noch abschätzen und die Welt scheint kleiner geworden zu sein.

Noch bevor sich die Sicht endgültig schließt, zeigt sich Grönland ein letztes Mal. Die Küste versinkt langsam achteraus und am Horizont im Norden sind noch ein paar Eisberge zu sehen. Sie wirken wie helle Schatten in einer Landschaft, der zunehmend die Farben fehlen. Selbst der ungewöhnlich späte Sonnenuntergang um 23:45 Uhr taucht den Himmel nicht in kräftige Farben. Stattdessen verabschiedet sich der Tag beinahe lautlos und verschwindet gemeinsam mit Grönland im Grau.

Mit dem ersten Tag auf See stellt sich auch der vertraute Wachrhythmus ein. Vier Stunden Wache, acht Stunden Freiwache. Nebel bedeutet für die Wache dabei nicht, dass weniger zu tun wäre, eher das Gegenteil. Gerade jetzt heißt es vor allem: gehörig Ausguck gehen, wie der Seemann sagt. Das Radar wird zum wichtigsten Navigationsinstrument, denn der Blick reicht oft nur wenige Schiffslängen weit. Gleichzeitig läuft der Bordalltag weiter. Wetterdaten werden an den Deutschen Wetterdienst übermittelt, die Maschine regelmäßig abgeschmiert und wann immer es geht, stoppen wir das Schiff auf, um mit der CTD-Sonde Messungen durchzuführen. Expedition bedeutet eben nicht nur Segeln, sondern ebenso Forschung, Technik und ein eingespieltes Miteinander.

Die See ist dabei mit einem halben bis einem Meter Welle erstaunlich moderat für diese Gegend. Trotzdem fordert der Beginn dieser längeren Etappe seinen Tribut. Einige an Bord kämpfen mit der Seekrankheit. Das gehört für viele zu den ersten Tagen auf See dazu. Fällt jemand aus, springt selbstverständlich ein anderes Crewmitglied ein. Am nächsten Tag sieht die Welt oft schon wieder ganz anders aus.

In der Nacht lässt der Wind nach. Was zunächst angenehm klingt, bringt eine andere Herausforderung mit sich. Die Dünung bleibt bestehen und lässt die Dagmar Aaen kräftig rollen und arbeiten. Unter Deck wird jede Bewegung zur Balanceübung. Töpfe und Teller wollen festgehalten werden, kleine Alltagsgegenstände entwickeln plötzlich ihren ganz eigenen Willen, und wer sich durch das Schiff bewegt, greift instinktiv nach jedem Handlauf.

Draußen bleibt das Bild unverändert.

Nebel.

Grau.

Der nächste Tag: Es gibt keine Windsee mehr, nur noch lange Dünung und unsere Heckwelle. Das Meer wirkt schwer wie Blei. Himmel und Wasser scheinen aus demselben Material zu bestehen. Surreal. Der Blick erinnert an eine Schwarzweißaufnahme. Es gibt nur noch unzählige Abstufungen zwischen Hellgrau und Anthrazit. Die Arktis zeigt sich in ihrer reduziertesten Form.

In solchen Wachen freut man sich ehrlich auf den Moment, an dem die Ablösung kommt. Nicht, weil die Arbeit keinen Spaß macht, sondern weil eine warme Koje nach vier Stunden in feuchter Kälte ein erstaunlicher Luxus sein kann. Ölzeug aus, Schlafsack zu und für ein paar Stunden den Geräuschen des Schiffes lauschen, bevor die nächste Wache beginnt.

Diese Beschreibung mag nach Tristesse klingen - die Stimmung an Bord leidet darunter jedoch keineswegs - im Gegenteil. Man hilft sich gegenseitig, übernimmt Arbeiten, wenn jemand ausfällt, und lacht gemeinsam über die kleinen Herausforderungen, die das Leben auf See mit sich bringt. Jeder findet langsam seinen Rhythmus zwischen Wache, Schlaf, Mahlzeiten und den Bewegungen des Schiffes.

Auch heute hat der Nebel den Blick bis zum Horizont verborgen. Doch vielleicht gehört genau das zu einer Reise wie dieser.
Nicht jeder Horizont muss sichtbar sein, um den Kurs zu kennen. Wir fahren weiter. Und die Arktis hat ihre Farben für den Moment wieder eingesammelt.

Thomas

Position: 62.946345, -56.407928

Westward bound

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Die Dagmar Aaen ist seeklar. Jede Menge Proviant ist an Bord gekommen. Nuuk war unsere letzte Chance, frisches Gemüse einzukaufen. Frühestens in drei Wochen werden wir wieder die Möglichkeit haben, einen Supermarkt an der Küste von Labrador zu besuchen. Die Frischwassertanks sind randvoll.
Auch Diesel haben wir gebunkert. Einen Großteil des Treibstoffs für Grönland wird übrigens von der Bremer Reederei German Tanker Shipping geliefert. Die Seacod ist ein 40.000 Tonnen Produktentanker mit Eisklasse und läuft fünfmal im Jahr die Hauptstadt an. Kerosin für den Flughafen und Diesel für die Generatoren des Kraftwerks sind die wichtigsten Sorten.

An Deck der Dagmar Aaen sind alle beweglichen Gegenstände seefest gelascht. Die letzten sonnigen Tage in Nuuk haben wir auch genutzt, um diverse Lackarbeiten abzuschließen. Ein kulinarisches Highlight für uns alle war der Besuch bei unserem Dänischen Freund Claus (er ist der einzige Repräsentant der Werkzeugfirma Würth auf Grönland) und seiner in Kolumbien aufgewachsenen Bekannten Anette. Anette ist Veterinärin bei der dänischen Fischereiaufsicht und lebt seit einem halben Jahr in Nuuk. Für unseren Besuch in ihrer Wohnung mit Seeblick hat sie extra ein original kolumbianisches Chili con Carne gezaubert. Köstlich! Ein fröhlicher Abend mit guten Gesprächen am großen Tisch unserer Gastgeber.
Angesprochen auf die Kaufgelüste von Donald Trump ernten wir energisches Kopfschütteln. Anette meint, Trump halte die Grönländer wohl für eine Horde Ungebildeter, aber Ihrer Meinung nach seien die Einheimischen smart und clever – und extrem höflich. Nur deshalb sei es noch nicht zur Eskalation gekommen.
Nicht umsonst gibt es in vielen Geschäften T Shirts zu kaufen mit der Aufschrift: Greenland is not for sale!

Die letzten Stunden vor dem Auslaufen nutzen wir für eine ausgiebige Dusche im Seemannsheim von Nuuk. Und dann geht es los. Bei ruhiger See laufen wir aus. Unter zweifach gerefftem Groß, Fock und Klüver segeln wir Kurs West-Süd-West. Unser ursprünglicher Plan war, Baffin Island anzusteuern.

Aber daraus wird nichts. Dort oben hat es eine Eisbedeckung von 9/10. Keine Chance zum Durchkommen. Deshalb haben wir den Kurs nun abgesteckt auf die Nordspitze von Labrador, dort soll die Eislage unproblematisch sein. Es geht einmal quer über die Davisstrait, das Seegebiet zwischen Grönland und Kanada. Rund 440 Seemeilen liegen vor uns. Gleich am ersten Abend bringt der zunehmende Seegang viel Bewegung ins Schiff. Einige von uns erwischt die verhasste Seekrankheit. Mich auch. Es ist zum Kotzen… Jede Bewegung fällt schwer. Das Anziehen der vielen Lagen Klamotten vor der Wache wird zur heftigen Anstrengung und man träumt die ganzen vier Stunden davon, schnell wieder in die warme Koje zu kommen. Aber es gehört halt dazu. Jetzt, wo ich diese Zeilen schreibe, ist es extrem neblig um uns herum. Die See hat sich beruhigt, unsere Lebensgeister sind zurückgekehrt. Wir freuen uns auf Labrador!

Matze

Position: 64.17124, -51.716423

Ausflug in die Geschichte

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Wir fahren weiter nach Norden. Erleben menschenleere, unberührte Landschaften, ankern in friedlichen Fjorden, fangen Dorsche, entdecken schon lange aufgegebene Siedlungen von Fischern – Grönland begeistert uns!

Nach neun Tagen erreichen wir schließlich Nuuk – und werden von unserem dänischen Freund Claus Hassing begrüßt, der seit Jahren schon für die Firma Würth auf Grönland lebt. Er bereitet uns mit Fisch und Rum einen tollen Empfang.

Unsere bisherige Reise und jetzt Nuuk: Größer könnte der Kontrast kaum sein. Besuchten wir bislang recht kleine Siedlungen mit nur wenigen Menschen, die meistens als Fischer und Jäger ihre Existenz bestreiten, so treffen wir jetzt auf eine Großstadt, auch wenn Nuuk „nur“ knapp 20.000 Einwohner hat. Riesige, langgezogene Wohnblöcke mit grauen Fassaden für viele Menschen anstatt der kleinen, bunten Häuser. Hier begrüßen uns keine Kinder auf der Straße, stehen keine Schlitten in der Landschaft. Stattdessen reihen sich Filialen von dänischen Einkaufsketten aneinander, rumpelt Autoverkehr durch die Stadt.

Ein Highlight jedoch bietet Nuuk: das grönländische Nationalmuseum. Und wir tauchen ein Stück weit in die Geschichte dieser eisigen Insel ein. Aufgrund der extremen Bedingungen blieben viele Landstriche über Jahrtausende menschenleer. Wenn Menschen hierher kamen und einzelne Regionen besiedelten, so verlief das nicht als kontinuierliche Geschichte, sondern eher in Wellen: Nach erfolgreichen Jahren konnte schon eine leichte Verschärfung der extremen Bedingungen häufig das Ende einer Besiedlung bedeuten.

Erste Siedler kamen bereits vor 4.400 Jahren

Im Museum werden verschiedene Phasen dieser frühen Besiedlung von Grönland gezeigt: Die früheste war wohl die „Arctic Small Tool Tradition“. Sie begann schon vor rund 4.400 Jahren. Die Menschen kamen von Nordostasien / Sibirien nach Grönland und konnten aus Steinklingen sowie Knochen oder Treibholz extrem effiziente Harpunen und Speere bauen. Damit machten sie Jagd auf Moschusochsen, Robben und Karibus. Sie verfügten außerdem über erstaunliche maritime Fähigkeiten und überwanden sogar schon kleinere Passagen auf dem Meer, ohne Kompass oder Echolot! Das Museum präsentiert rekonstruierte Gebrauchsgegenstände und die Jagdwaffen aus dieser Zeit – wir können nur staunen, wie hart sich diese Menschen ihr Überleben damals erkämpfen mussten.

In einer zweiten Welle überquerten Jäger aus dem arktischen Raum Kanadas Ellesmere-Island und besiedelten Grönland. Das war zum einen die Independence-I-Kultur, die sich ca. 2.400 bis 1.800 vor Christus im Norden Grönlands, insbesondere in Peary Land, niederließ. Extrem spezialisierte Jäger, die in kleinen, mobilen Familienverbänden in Zelten lebten und vor allem auf Moschusochsen und Robben aus waren. Und zum anderen es Menschen der Saqqaq-Kultur, die im etwas milderen Westen und Südwesten der Insel lebten. Sie entschieden sich dafür, in größeren Gemeinschaften zu leben und Winterhäuser aus Stein und Torf zu bauen.

Wie überlebt man hier - ohne Boote oder Hunde?

Ein großes Rätsel schließlich ist die Dorset-Kultur – Jäger, die jahrhundertelang erfolgreich in der Arktis überlebten und über die wir nur ganz wenig wissen. Eigentlich ist nur klar, was sie nicht hatten: So hat man keine Spuren on Booten oder Kajaks bei dieser Gruppe gefunden. Genauso wenig gibt es Hinweise auf Hunde oder Transportschlitten. Wie haben sich diese Menschen in Grönland bewegt? Wie konnten sie auf die Jagd gehen ohne Kajak? Auch Waffen wie Pfeil und Bogen oder Bohrwerkzeuge waren den Dorset wohl unbekannt. Wirklich rätselhaft. Was sie aber meisterlich beherrschten, war die Jagd nach Robben und Walrossen auf dem winterlichen Meereis. Sie erfanden den Iglu als Schutz und Unterkunft auf dem Eis, entwickelten Lampen, die ihnen mit Robbentran ein wenig Licht in der arktischen Nacht spendeten.

Thule-Inuit setzen sich durch

Doch die massive Abkühlung der Arktis ab dem 14. Jahrhundertmit den stark veränderten Eisbedingungen und auch der Einzug der technologisch deutlich überlegenen Thule-Inuit mit ihren Kajaks, Bögen und Hundeschlitten sorgten letztlich dafür, dass die Jäger der Dorset-Kultur verdrängt wurden. Immerhin: In den Legenden der heutigen Inuit leben die Dorset weiter. In den alten Sagen heißen sie Tuniit – ein Volk von scheuen Riesen, sehr stark, aber auch leicht zu erschrecken.

Und schließlich: die Wikinger. Keine Geschichte von Grönland ohne den Hinweis auf Erik, den Roten. Die Legende erzählt, dass Erik wegen Totschlags für drei Jahre von Island verbannt wurde. Er nutzte die Zeit, um nach der großen, eisigen Insel im Westen zu suchen, von der ihm Fischer berichtet hatten. Mit 25 Schiffen brach er auf, 24 davon erreichten schließlich die Insel. Erik wählte für seine Entdeckung die Bezeichnung Grönland (= Grünland) – und ein geschickter Marketing-Trick von Erik, mit dem er um das Jahr 986 nach Christus weitere Isländer anlockte. Doch selbst für diese harten „Graenlendingar“ war das Leben auf der arktischen Insel alles andere als einfach und so gaben sie die Besiedlung nach rund 400 Jahren wieder auf.

Für uns jedoch ist die Leistung gerade dieser ersten Siedler von Grönland kaum zu fassen. Wir ahnen, welche Strapazen das Überleben damals bedeutet haben muss und wie perfekt sich diese Menschen an die extremen Bedingungen in der Arktis angepasst hatten. Andernfalls hätten sie wohl keinen Winter durchgestanden.

Uli Weih

Position: 64.174899, -51.737881

Prins Christian Sund

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Ikerasassuaq  - Prins Christian Sund

Im dichten Nebel ist die Einfahrt in den Prins Christian Sund kaum zu erahnen. Langsam nähern wir uns dem Fjordeingang, erkennen erst spät die hohen, dunklen Felswände rechts und links der schmalen Passage. Doch dann reißt der Nebel plötzlich auf und die Sonne strahlt – der warme Fels brennt den Nebel weg und wir haben beste Sicht. Uns erwartet „one of the world most magnificient passages“, heißt es im sonst doch eher nüchtern-sachlichen Seehandbuch.

„Ikerasassuaq“ – der große Sund, so sagen die Menschen hier zu dieser Durchfahrt, die die Irmingersee an der Ostküste mit der Baffin Bay auf der Westseite von Grönland verbindet. Ein etwa 100 Kilometer langer, stellenweise aber nur 500 Meter breiter Sund, eingerahmt von hohen Granitwänden, gewaltigen Gletschern, schroffen Bergen. Im Wasser immer wieder massiver Eisgang: riesige Eisberge, die das Inlandseis auf die Reise geschickt hat, aber auch arktisches Packeis aus dem Nordpolarmeer. Kein Wunder, dass der Prins Christian Sund als Highlight vieler Grönland-Kreuzfahrten gilt. Doch wagen die Reedereien eine solche Reise erst im Spätsommer, wenn es etwas weniger Eis gibt. Für die Kapitäne dieser schwimmenden Hotels dennoch eine enorme Herausforderung: Besonders an den extrem engen Stellen bleibt ihnen kaum Raum zum Manöverieren – und wenn gar en Eisfeld die Durchfahrt blockiert, ist Wenden meistens unmöglich.

Sehr schön, aber auch anspruchsvoll 

Darüber hinaus erfordern die berüchtigten Winde und die starken Strömungen im Sund jede Menge Aufmerksamkeit. Die steilen, über 1.000 Meter hohen Felswände wirken wie ein riesiger Düsenkanal; die Winde werden durch diesen engen Kanal gepresst und erreichen hohe Geschwindigkeiten aus kaum vorhersehbaren Richtungen. Ständig wird das Schiff von Wind und Strömung versetzt. Oder es nähern sich Eisberge schneller als dem Mann am Ruder lieb ist.

Dazu kann man hier jederzeit in sehr dichte Nebelfelder geraten, etwa wenn sehr kaltes Polarwasser auf warme Luftmassen trifft, die über den Felsen aufgeheizt wurde. Dann kann dichter Nebel entstehen – und Eis ist dann nur sehr spät auszumachen. Trotzallem: „Ikerasassaq“ ist ein unvergleichliches Erlebnis, das Seehandbuch hat nicht übertrieben.

Bunte Häuser unter Felswand

Nach langer Fahrt durch den Sund nehmen wir unterhalb einer mächtigen, fast senkrechten Felswand einige bunte Häuser wahr: Aappilattoq. Eines der kleinsten dauerhaft bewohnten Dörfer von Grönland, extrem isoliert, leicht zu übersehen. „Aappilattoq“ bedeutet in der Sprache der Inuit die Seeanemone. Ein schöner Name für diesen Flecken, in dem rund 80 Menschen leben. Wie fast alle Siedlungen auf Grönland, ist das Dorf ausschließlich auf dem Seeweg zu erreichen.

Die Menschen hier haben sich den Bedingungen perfekt angepasst. Sie leben fast vollständig von der Jagd auf Robben und vom Fischfang. Was gefangen wird, teilt sich die Dorfgemeinschaft. Die bunten Häuser bilden einen fröhlichen Kontrast zum rötlichen Grau der Felslandschaft. Früher hatten die Farben eine funktionale Bedeutung: so stand z.B. rot für die Schule oder die Kirche, gelb war das Haus des Arztes oder – sofern vorhanden – das Krankenhaus.

Bildung kann Abschied bedeuten

Als wir in der Siedlung anlegen ist unser Schiff schnell von neugierigen Kindern umringt, die uns anlachen und viele Fragen stellen. Ein fremdes Schiff im Dorf, das ist immer auch ein Ereignis. Wir erfahren, dass alle Kinder von Aappilattoq in einer winzigen Schule unterrichtet werden. Und weil es nur wenige Kinder gibt, haben Schüler verschiedener Altersstufen meist gemeinsam Unterricht.

Zumindest funktioniert das in der Grundschule und der Mittelstufe so. Wer danach auf eine weiterführende Schule gehen möchte, muss das Dorf verlassen. Das jedoch bedeutet für die Kinder bzw. Jugendlichen einen radikalen Einschnitt in ihr Leben. Sie müssen im Alter von 15 oder 16 Jahren ihre Heimat komplett verlassen. Das bedeutet Abschiede für Monate – die Jugendlichen sehen ihre Familien und Freunde oft nur an Weihnachten oder in den Sommerferien. Den Rest des Jahres sind sie auf sich allein gestellt. Für die meisten keine einfache Situation. 

Vereinsamung und Überforderung

Da ist zum einen der Kulturschock Großstadt. In Aappilattoq leben rund 80 Menschen, hier kennt jeder jeden. In Städten wie Nuuk dagegen sind es 20.000 Personen und es ist deutlich anonymer. Statt einfachen Holzhäusern, Schlauchbooten und dem Bolzplatz gibt es in der Stadt Plattenbauten, Auto und riesige Einkaufszentren. Für viele Jugendliche aus der abgeschiedenen Welt am Sund ist das eine Überforderung.

Zum anderen erwartet die Jugendlichen Unterricht in einer fremden Sprache. In Aappilattoq sprechen die Menschen Westgrönländisch. Auf den weiterführenden Schulen dagegen ist die Unterrichtssprache Dänisch. Viele Kinder au den Siedlungen aber können kein Dänisch und scheitern in den ersten Monaten auch an dieser Sprachbarriere.

All das führt zu einer sehr hohen Abbrecherquote bei Jugendlichen aus abgelegenen Siedlungen. Wer es trotzdem schafft, die Schule erfolgreich zu bestehen, der geht für das anschließende Studium fast immer nach Dänemark. Eine spätere Rückkehr nach Aappilattoq ist dann so gut wie ausgeschlossen – für Akademiker gibt es  bei den Jägern und Fischern kaum passende Jobs. Und mit ihren neuen Erfahrungen finden die gut ausgebildeten jungen Menschen nur schwer wieder in den Alltag ihrer Heimat zurück. So bedeutet eine höhere Bildung für ein Dorf wie Aappilattoq fast immer auch den Verlust von jungen Menschen.

Uli Weih     

Position: 60.062754, -43.165283

Wenn das Eis ruft

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Aufstehen um 3:30 Uhr. Zähne putzen, rein ins Ölzeug. Um 4:00 Uhr ist Wachwechsel. Die nächsten vier Stunden tragen drei Crewmitglieder die Verantwortung für das Schiff, der Rest der Mannschaft schläft noch.

Ein fetter Stratus hat sich über uns gesenkt, es herrscht dichter Nebel. 98 Prozent Luftfeuchtigkeit – alles an Deck ist nass, auch unsere Kleidung wird feucht. Dazu weht ein eisiger Nordwind, das klamme Ölzeug kühlt schnell aus – es ist eine ungemütliche, kalte Wache.

Dazu hat der Atlantik noch ordentlich Schwell, Dagmar Aaen gleitet die Wellenberge hinauf, um gleich wieder ins nächste Wellental zu stürzen. Und dass Schiff rollt: Erst neigt es sich weit nach Backbord über, um sich danach wieder auf die Steuerbordseite zu legen.

Eisberge schieben sich in unsere Kurslinie, sie sind auch im dichten Nebel gut und rechtzeitig zu sehen. Etwas anderes sind die Eisklumpen, die von diesen Eisbergen abgebrochen sind. Diese Growler sind schwer zu erkennen, aber massig genug, um dem Schiff massiv zu schaden. Für die Wache bedeutet das, ständig das Meer im Blick zu haben, um rechtzeitig ausweichen zu können.

Der Wind wird zulegen

Dazwischen beobachten wir immer wieder die aktuellen Wetterdaten für die Region, in der wir unterwegs sind: Der Wind soll auffrischen und es wird wohl schon bald ordentlichen Seegang geben – Wellen genau von vorn. Wir entscheiden uns, dichter an die Küste zu gehen, auch um uns eventuell in eine Bucht zurückziehen zu können, wenn es demnächst richtig stürmisch werden sollte.

Dem Deutschen Wetterdienst übermitteln wir regelmäßig das Wetter rund ums Schiff, damit die Meteorologen diese Daten in ihre Wettermodelle einarbeiten können – Wassertemperatur 2,6 Grad, Luft 2,8 Grad, tiefer Stratus usw.

Nach Stunden an Deck ist die Kälte in unsere Glieder gekrochen. Selbst eine Tasse heißen Tees hilft da nicht weiter – die Wache ist durchgefroren und erschöpft. Nach vier Stunden dann der Wachwechsel. Raus aus dem nassen Ölzeug, der Smut hat frischen Kaffee gekocht. Ausruhen, während sich die nächste Wache weiter durch den eisigen Nebel tastet.

Uli Weih

Position: 63.559832, -40.003967